Mir wurde in letzter Zeit von impfkritischer Seite häufiger empfohlen den ein oder anderen Artikel von Dagmar Henn, die für Russia Today (RT Deutschland) regelmäßig Artikel schreibt, anzuschauen, da sie gute Argumente gegen die Impfpflicht und gegen die „neuen“ mRNA-Impfstoffe liefere. Ich bin dem mal nachgegangen und habe ihren Artikel „Die Glaskugel des ZDF – oder wie Wissenschaft nicht geht“, erschienen bei RT Deutschland am 22. Oktober 2021 gelesen[1]. Ich möchte die Zeit nutzen auf einige Punkte von Dagmar Henn einzugehen. Mir geht es nicht darum Personen (Frau Henn) oder die Quelle (Russia Today) zu diskreditieren. Auch möchte ich keine Aussagen über das Für und Wider einer Impfpflicht machen, ob andere Impfstoffe wie Sputnik V bessere Kandidaten wären oder die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung bewerten. Das würde zum einen meine Kompetenzen übersteigen (auch wenn ich dazu natürlich eine Position habe) und zum anderen den Artikel unnötig in die Länge ziehen, der schon lang genug ist.  Es soll in diesem Beitrag ausschließlich um die Bewertung einiger fachwissenschaftlicher Aussagen in diesem Artikel gehen, die Frau Henn trifft.

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Vorne weg: Frau Henn kritisiert meiner Meinung den ZDF-Beitrag zurecht, dass eine wissenschaftliche Aussage nie absolut wahr sein kann, sondern immer nach „bisherigen Erkenntnissen“ oder „nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft“. (Begründete!) Zweifel sind angebracht. Das rechtfertigt jedoch nicht einen radikalen Skeptizismus, bei dem es grundsätzlich keine gesicherte Erkenntnis geben könne. Wir können uns darüber streiten, ob man von “sicherem oder zweifelsfreiem Wissen” sprechen oder Wissen nur maximal mögliche Plausibilität bescheinigen darf. Niemand bestreitet, dass Wissen prinzipiell fehlbar ist.

Aber: Wenn z. B. tausende Versuchsreihen zeigen, dass Impfungen gegen Covid wirken, dann kann man mit Fug und Recht dieses Wissen als so gesichert bezeichnen, wie etwas in der Wissenschaft nur gesichert sein kann. Daraus folgt eben, dass es keinen Sinn hat, das weiter anzuzweifeln BEVOR es jemand widerlegt. Es macht keinen Sinn, sich über das empirisch bestens Untermauerte zu streiten, solange sich an der Beleglage nichts ändert. Das nennt man langläufig halt “gesichertes Wissen”.

Man kann darüber streiten, ob das ZDF sich anders hätte ausdrücken müssen oder nicht. Nun gibt aber Frau Henn einige biologische Argumente an, die ihrer Meinung nach an den mRNA-Impfstoffen zweifeln lassen. Sie bringt hierfür jedoch keine empirischen Daten, die für solch eine Diskussion notwendig wären, sondern versucht die „potentielle Gefährlichkeit des mRNA Impfstoffes“ durch Umwege biologischer Grundkenntnisse anzudeuten. Auf diese soll hier nun eingegangen werden.

 

1.    Diabetes als Langzeitfolgen einer Influenza-Impfung?  

 

Frau Henn schreibt als Erwiderung der ZDF-Behauptung, dass Langzeitfolgen bei Impfungen nicht bekannt seien, dass diese durchaus vereinzelt auftreten können. Durch Rosinenpickerei hat sie sogar eine Studie gefunden, die belegen soll, dass Langzeitfolgen möglich seien. Frau Henn schreibt:

„Es gibt mindestens ein Beispiel für eine Langzeit-Nebenwirkung eines Impfstoffs: der Impfstoff gegen Hämophilus influenzae vom Typ b, ein Erreger, der Hirnhautentzündungen auslösen kann, hat nachweislich die Langzeit-Nebenwirkung einer Diabetes Typ 1.“

Sehen wir einmal von dem Umstand ab, dass man durch Rosinenpickerei sich immer seine Lieblingsstudie aussuchen kann, die den tausenden von anderen widerspricht (die, weil sie dem Weltbild nicht passen auch getrost ignoriert werden dürfen), behauptet Frau Henn etwas, was nicht stimmt. Der RT-Artikel verlinkt die Studie. Genauer gesagt verlinkt der RT-Artikel nicht die Studie, die den Zusammenhang zwischen Diabetes und der Influenza-Impfung zieht (Claasen & Claasen 2002)[2], sondern einen Kommentar zu dieser Studie, die diesen angeblichen Zusammenhang kritisiert (Halsey 2003)[3]. Hier muss man sich dann fragen, ob Frau Henn die Studie von Classen & Classen (2002) oder Halsey (2003) tatsächlich gelesen hat, oder bei einer schnellen Suche aus dem Titel „ihre Schlussfolgerung“ gezogen hat. Wenn ersteres zutrifft, dann hätte sie wenigstens so ehrlich sein müssen und den kritischen Kommentar von Halsey (2003) miteinbeziehen müssen, der ja ironischerweise in dem RT-Artikel verlinkt wird! Da der Titel von Halsey (2003) Artikel „A causal association between Haemophilus influenzae type b (Hib) vaccine and diabetes“ (deutsch: „Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Haemophilus influenzae type b (Hib) und Diabetis“) lautet, werde ich aber den Verdacht nicht los, dass Frau Henn den Artikel nicht gelesen hat und aus dem Titel der Arbeit geschlussfolgert hat, dass dieser Zusammenhang tatsächlich besteht. Dem ist aber nicht so.

Nun ist der Kommentar von Halsey (2003) hinter einer Paywall versteckt, aber Sci-Hub sei Dank doch zu lesen.

Hieraus soll zitiert werden:

Original:

„The report by Classen and Classen[1]involves the use ofinappropriate methods and reports data that do not provideevidence  of  a  causal  association  betweenHaemophilusinfluenzaetype b (Hib) vaccine and diabetes. No statisticalmethods  were  provided  for  the  animal  studies  and  theresults  are  presented  in  smooth,  atypical  lines.“

Übersetzung (mit Hilfe von Deepl.com und eigener Korrekturlesung):

„In dem Bericht von Classen und Classen[1] werden ungeeignete Methoden verwendet und Daten berichtet, die keinen Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Hämophilusinfluenza Typ b (Hib) Impfstoff und Diabetes liefern. Für die Tierstudien wurden keine statistischen Methoden angegeben, und die Ergebnisse werden in glatten, untypischen Linien dargestellt.“ (Hervorhebung von mir)

Quelle [1] Classen,  J.B.  and  Classen,  D.C.  (2002)  “Clustering  of  cases  ofinsulin-dependent   diabetes   (IDDM)   occurring   three   years   afterHaemophilus   influenzaeB   (HiB)   immunization   support   causalrelationship between immunization and IDDM”,Autoimmunity35,247 – 253. Das ist die Studie, die vorgab einen solchen Zusammenhang zu sehen und von Halsey (2003) kritisiert wird

Weiter schreibt Halsey (2003):

„The reanalysis of the human study suffers from designflaws and incorrect interpretations. An increasing incidence of type 1 diabetes has been observed in countries throughout the world, including Finland, before and after the Hib vaccine study. [4] The use of historical controls is highly inappropriate for a disease that is increasing in incidence. Higher rates of disease will be seen in any birth cohort as compared to children born in earlier years, regardless of whether or not any intervention had taken place. The investigation of possible differences in the incidence  of diabetes in children who received one vs four doses of Hib vaccine was designed to compare the overall incidence in the two groups. The Finnish investigators who conducted this study have reported that there were no significant differences in the incidence  of diabetes in children who received one vs four doses of Hib vaccine at any time during the study.[5] It is inappropriate to look at the data after the study and arbitrarily pick a point where the curves appear to diverge and then use that point for comparing the subsequent incidence of disease.“

Übersetzung (mit Hilfe von Deepl.com und eigener Korrekturlesung):

„Die Neuanalyse der Humanstudie leidet unter Konstruktionsfehlern und falschen Interpretationen. In Ländern auf der ganzen Welt, darunter auch in Finnland, wurde vor und nach der Hib-Impfstudie ein Anstieg der Inzidenz von Typ-1-Diabetes beobachtet. [4] Die Verwendung historischer Kontrollen ist bei einer Krankheit, deren Häufigkeit zunimmt, höchst unangemessen. In jeder Geburtskohorte werden im Vergleich zu Kindern, die in früheren Jahren geboren wurden, höhere Erkrankungsraten festgestellt, unabhängig davon, ob eine Intervention stattgefunden hat oder nicht. Die Untersuchung möglicher Unterschiede in der Häufigkeit von Diabetes bei Kindern, die eine bzw. vier Dosen Hib-Impfstoff erhalten hatten, diente dem Vergleich der Gesamthäufigkeit in den beiden Gruppen. Die finnischen Forscher, die diese Studie durchgeführt haben, haben berichtet, dass es zu keinem Zeitpunkt der Studie signifikante Unterschiede in der Häufigkeit von Diabetes bei Kindern gab, die eine bzw. vier Dosen Hib-Impfstoff erhalten hatten[5]. Es ist unangemessen, die Daten nach der Studie zu betrachten und willkürlich einen Punkt zu wählen, an dem die Kurven auseinanderzugehen scheinen, und diesen Punkt dann für den Vergleich der späteren Häufigkeit von Krankheiten zu verwenden.“ (Hervorhebung von mir)

Zitierte Quellen:
[4] Tuomilehto,   J.,   Karvonen,   M.,   Pitkaniemi,   J.,   Virtala,   E.,Kohtamaki,   K.,   Toivanen,   L.   and   Tuomilehto-Wolf,   E.   (1999)“Record-high   incidence   of   Type   I   (insulin-dependent)   diabetesmellitus in Finnish children. The Finnish Childhood Type I DiabetesRegistry Group”,Diabetologia42(6), 655 – 660.
[5]  Karvonen, M., Cepaitis, Z. and Tuomilehto, J. (1999) “Associationbetween   type   1   diabetes   and   Haemophilus   influenzae   type   bvaccination: birth cohort study”,Br. Med. J.318(7192), 1169 – 1172

Original:

„Careful reviews by three expert panels have concluded that the available evidence does not support Dr Classen’s hypothesis that Hib vaccine contributes to type 1 diabetes.[6,7,8]“

Übersetzung (mit Hilfe von Deepl.com und eigener Korrekturlesung):

„Sorgfältige Überprüfungen durch drei Expertengremien haben ergeben, dass die verfügbaren Beweise die Hypothese von Dr. Classen, dass der Hib-Impfstoff zur Entstehung von Typ-1-Diabetes beiträgt, nicht unterstützen[6,7,8].“

Quellen:
[6]  Childhood  immunizations  and  type  1  diabetes:  summary  of  anInstitute  for  Vaccine  Safety  Workshop  (1999)  “The  Institute  forVaccine  Safety  Diabetes  Workshop  Panel”,Pediatr.  Infect.  Dis.  J.18(3), 217 – 222.
[7]  Childhood  Immunization  Schedule  and  Diabetes:  An  UnfoundedHypothesis (1998),Clin. Infect. Dis.27(2), Hot Page.
[8]  Kathleen Stratton, Christopher B. Wilson, Marie C. McCormick, eds(2002) “Immunization Safety Review Committee, Board on HealthPromotion and Disease Prevention”, Immunization Safety Review:Multiple   Immunizations   and   Immune   Dysfunction   (NationalAcademy Press, Washington, DC).

 

2.    Reverse Transkriptase und Telomerase

 

Frau Henn schreibt weiter:

„Zum einen trennt sie [eine „Expertin“ im ZDF-Beitrag – M. K.] die beiden “Schreibweisen” genetischer Information, RNA und DNA, vollständig voneinander, was nicht korrekt ist, da RNA durchaus, in Gegenwart bestimmter Enzyme, in DNA übersetzt und auch in diese eingebaut werden kann; genau über diesen Mechanismus funktionieren Retroviren; und auch innerhalb der Zellen selbst gibt es die Reverse Transkriptase, die RNA wieder in DNA verwandelt.“

Frau Henn schreibt richtig, dass bei einigen Viren, nämlich den Retroviren, zu denen auch das HIV gehört, Enzyme vorkommen, die RNA in DNA umwandeln können. Retroviren haben ein Genom welches aus RNA besteht. Werden wir von einem solchen Retrovirus infiziert (z. B. HIV), wird die RNA in doppelsträngige DNA umgeschrieben. Dieser Vorgang wird reverse Transkription genannt. Dazu bringt das Virus die Reverse Transkriptase in seinen Viruspartikeln mit. Diese schreibt die einzelsträngige RNA des Virus zuerst in einzelsträngige DNA und anschließend in doppelsträngige DNA um.

Eine besondere Form der Retroviren sind die endogenen Retroviren. Diese werden vertikal in der Keimbahn (also über die Spermien- und Eizellen) vererbt und auf diese Weise Bestandteil des Wirtszell-Genoms. Etwa 8% unseres Genoms besteht aus solchen endogenen Retroviren und sind ein wunderbarer Beleg für die evolutionäre Verwandtschaft zwischen Menschen und anderen Primatenarten, wie ich in einem Artikel beschrieben habe.[4]

Doch was hat das mit dem Corona-Impfstoff zu tun? Corona-Viren sind keine endogenen oder exogenen Retroviren und auch der mRNA-Impfstoff lässt sich nicht in DNA umwandeln. Frau Henn meint, dass auch innerhalb der Zellen selbst es eine Reverse Transkriptase gibt, die RNA wieder in DNA verwandelt. Der verlinkte Wikipedia-Beitrag schreibt:

„Von ehemaligen, mutierten Retroviren stammen auch die Klasse-I-Transposons, auch Retroelemente genannt, ab. Diese benötigen für ihre Replikation eine RT. Diese wird entweder von ihnen selbst codiert (autonome LINEs und LTR-Retrotransposons) oder muss zur Verfügung gestellt werden (z. B. bei SINEs).

Gruppe II Introns codieren ebenfalls für eine Reverse Transkriptase, die eine enzymatisch aktive Intron-RNA (Ribozym) stabilisiert und die integrierte RNA in DNA umschreibt. Die RNA katalysiert bei dem Vorgang das Spleißen. Gruppe II Introns wurden in Prokaryonten und in den Genomen von Organellen in Pilzen und Pflanzen nachgewiesen.

Eine Reverse Transkriptase ist ebenfalls Bestandteil der Telomerase von Eukaryoten, wo sie die im Zuge einer Replikation verkürzten Telomere wieder auf die ursprüngliche Länge erweitert und somit den Prozess der Zellalterung verzögert.“[5]

Besitzen Eukaryoten (das sind Zellen, die einen Zellkern besitzen, also auch unsere) also doch eine Reverse Transkriptase? Also ist der Corona-Impfstoff doch gefährlich? Werden wir alle sterben? Nein.

Unsere endogenen Retroviren kodieren Reverse Transkriptase (bei einigen von ihnen ist das Gen noch intakt), daher haben wir tatsächlich eine geringe RT-Aktivität in unseren Zellen (davon berichtet auch der Wikipedia-Artikel). In der Tat wird so auch cDNA erzeugt (SEHR ineffizient) und gelegentlich ins Genom eingebaut. Die spannende Frage ist aber nun: Wir sind doch STÄNDIG RNA-Viren ausgesetzt (hierzu zählt nicht nur das HIV)! Wir schlagen uns unser gesamtes Leben damit herum. Wenn es tatsächlich eine REALE und ERWÄHNENSWERTE Gefahr sein soll, dass die RNA-Impfstoffe auf diese Tour in unserem Genom (und dabei übrigens NICHT in der Keimbahn, sondern v.a. in kurzlebigen Zellen) landen, warum bauen sich dann die natürlicherweise vorkommenden Viren nicht TÄGLICH in unser Genom ein?!?

Der Wikipedia-Artikel berichtet aber über die Telomerase, die als eine Art reverse Transkriptase fungieren kann. Doch die Telomerase ist nicht mit der reversen Transkriptase der Retroviren vergleichbar! Hier muss ich leider wieder etwas ausführlicher werden (und man sieht mit wie viel Mühe man Halbwissen widerlegen muss). Vorsicht, hier kann es etwas kompliziert werden, da es um den Vorgang der Replikation, also der Vermehrung der DNA bei der Zellteilung, geht. Nur unter dieser Voraussetzung entstehen bei einer nachfolgenden Zellteilung Tochterzellen mit gleicher genetischer Ausstattung. Es sind mehrere Enzyme hierbei beteiligt. Hierzu habe ich einen entsprechenden Beitrag verfasst, bei dem die Details beschrieben werden.[6]

Der DNA-Doppelstrang wird für die Replikation einem Reißverschluss ähnlich geöffnet. Die frei gewordenen Einzelstränge dienen dabei als Vorlage (Matrize) für die Synthese eines neuen Strangs. So wird die DNA verdoppelt. Aber die Einzelstränge des DNA-Doppelstranges verlaufen antiparallel, also in entgegengesetzte Richtungen: Es gibt einen Vorwärts- und einen Rückwärtsstrang. Man kann sich das wie mit der linken und rechten Spur einer Straße vorstellen. Bei der Verdoppelung der DNA kann der neue Strang nur am Vorwärtsstrang kontinuierlich synthetisiert werden, beim Rückwärtsstrang hingegen nur Bruchstückhaft. Das hat damit zu tun, dass die Enzyme, die die Verdoppelung der DNA synthetisieren nur in eine Richtung arbeiten können. Die bruchstückhafte Synthese auf dem Rückwärtsstrang erfolgt dadurch, dass sich RNA-Moleküle (hierbei handelt es sich aber nicht um die messenger RNA, mRNA) als Primer am Folgestrang andocken, von dem aus die Enzyme kleine Bruchstücke an neuen DNA-Nukleotiden andocken können (die sog. Okazaki-Fragmente), bis die Synthese abbricht und sich neue Primer andocken müssen usw. Zwischenzeitlich werden dann die RNA-Primer von anderen Enzymen entfernt und durch DNA-Nukleotide ersetzt. Und bei dieser diskontinuierlichen Synthese des DNA-Stranges spielen Telomere und das Enzym Telomerase eine Rolle.

Was sind erstmal Telomere? Telomere sind die Endstücke der Chromosomen, es handelt sich hierbei um wiederholende Einheiten von DNA-Sequenzen. Wer mehr über den Aufbau von Chromosomen wissen will, dem empfehle ich meinen entsprechenden Artikel zur Molekularbiologie der Zelle zu lesen.[7]

Bei den Telomeren, also dem Ende eines jeden Chromosoms, besteht jedoch am Ende des Rückwärtsstranges hier ein Problem. Da am Rückwärtsstrang DNA nur so lange repliziert werden kann, solange die Bindung eines RNA-Primers möglich ist, bleibt minimal ein Stück der Länge des RNA-Primers übrig. Wenn nun der endständige, letzte RNA-Primer entfernt wird, kann keine DNA mehr synthetisiert werden, um ihn zu ersetzen. Es bleibt also an beiden Enden der fertigen DNA am jeweils neu Synthetisierten DNA-Strang ein kurzes, ungepaartes DNA-Stück übrig; meistens wird es enzymatisch entfernt. Auf diese Weise wird das Chromosom bei jeder Zellteilung etwas kürzer. Bei jeder Replikation können Telomere 50 – 200 Basenpaare verlieren. Nach vielen Teilungen können so die Gene in der Nähe der Chromosomenenden verloren gehen, und die Zelle stirbt.

Aber bei bestimmten Zellen, vor allem jenen, die sich ständig teilen, wie bei Stammzellen oder Urkeimzellen, die die Sperma- und Eizellen produzieren, aber auch bei Tumorzellen, werden die Telomere nicht kürzer, weil sie über einen speziellen Mechanismus verfügen, um ihre Telomer-DNA zu erhalten. Und dies wird durch das Enzym Telomerase möglich, welches die die verloren gegangenen Telomersequenzen anfügen kann. Die Telomerase enthält hierfür eine RNA-Sequenz, die als Matrize für die Sequenzwiederholung der Telomere fungiert. In den meisten normalen Zellen ist die Aktivität der Telomerase nicht nachweisbar. Die Erforschung der Telomere und Telomerasen sind u. a. beim Alterungsprozess und bei der Krebsforschung interessant. Sie hat aber nicht die Möglichkeit eine mRNA, wie bei einer Impfung, geschweige denn ein RNA-Virusgenom in DNA zu übersetzen bzw. synthetisieren. Daher ist der korrekte Name Telomerase-Reverse-Transkriptase (TERT) und ist somit von der Reversen Transkriptase der Retroviren morphologisch und funktionsbiologisch von den Telomerasen eukaryotischer Zellen zu unterscheiden!

 

3.    Flucht in die Epigenetik

 

Frau Henn schreibt:

„Zum anderen behandelt sie die DNA so, wie sie vor Jahrzehnten einmal gesehen wurde, ehe man die Epigenetik entdeckte – nämlich als eine angeblich ewig unveränderliche Blaupause. Genau das, soviel weiß man mittlerweile, ist nicht richtig. Es gibt verschiedenste Prozesse – und das geht bis hin zu psychischen Zuständen – die Teile der DNA aktivieren oder deaktivieren können.“

Ich kann nicht beurteilen, ob die Aussage der „ZDF-Expertin“ tatsächlich so verstanden werden kann, dass sie die DNA als unveränderliche Blaupause betrachtet. Das ist natürlich falsch, selbst wenn man die Epigenetik ignoriert, denn eine DNA kann mutieren und ist somit schon so veränderlich. Doch warum meint Frau Henn in Bezug zur mRNA-Impfung die Epigenetik einzuführen? Innerhalb fachwissenschaftlicher Kreise und zunehmend auch in populärwissenschaftlichen Arbeiten wird die Rolle der Epigenetik immer stärker hervorgehoben. Welche Rolle sie in der Vererbung an die Nachkommen und Evolution spielt, wird in der Wissenschaft gestritten. So gibt es starke Befürworter (z. B. Eva Jablonkas und Marion Lambs Buch „Evolution in four Dimensions“)[8], während andere die Euphorie um die Epigenetik eher nüchterner betrachten (z. B. Evolutionsbiologe Jerry Coyne)[9]. Unabhängig davon welche Rolle Epigenetik in Evolution und Vererbung spielt, ist sie zweifelsohne ein interessantes und wichtiges Forschungsgebiet. Es wirkt den Anschein, weil der mRNA-Impfstoff ein auf einer Nukleinsäure basierender ist, Frau Henn die Epigenetik einführt, um zu zeigen, dass auch wenn das Genom durch den Impfstoff nicht verändert wird, seine Genexpression durchaus Folgen haben könnte. Nehmen wir einmal an, dass dem so ist: So ziemlich alles was ich tue, beeinflusst meine Genexpression und Epigenetik: Wenn ich ein Aspirin nehme, meinen Wein trinke, mich draußen der UV-Strahlung aussetze oder meine Tiefkühlpizza esse. Einige dieser Aspekte haben sicherlich auch langfristige Folgen auf meine Genexpression, vor allem wenn man z. B. täglich Fast Food zu sich nimmt, raucht oder Alkohol trinkt. Ob eine Impfung, die man nun wirklich nicht jeden Tag nehmen muss, dieselben Effekte hat wie eine tägliche Flasche Wein, kann bezweifelt werden.

Und warum sollten dann epigenetische Effekte nur bei der mRNA-Impfung wirken und nicht bei „konventionellen“ Impfstoffen, denen ja Frau Henn nicht ablehnend gegenüber zu stehen scheint?

Leider liefert Frau Henn keine möglichen Beispiele, wie mRNA-Impfstoffe auf die Epigenetik einwirken kann, sondern bleibt bei allgemeinen Beispielen, wie dass bei Zwillingen trotz gleicher DNA die Expressionsmuster der Gene völlig verschieden sein können.

Die Problematik besteht schon alleine, dass viele unter Epigenetik verschiedene Dinge zusammenfassen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts formte der Entwicklungsbiologe Conrad Waddington den Begriff „Epigenetik“. Diese definierte er als den Zweig der Biologie, der sich mit den kausalen Wechselwirkungen zwischen Genen und ihren Produkten beschäftigt, die den Phänotyp hervorbringen. Heute wird die Epigenetik im klassischen Sinne definitionsgemäß enger gefasst und hat zwei mögliche Quellen, bei der es zu einer Veränderung der Genexpression ohne Veränderung der DNA kommt: DNA-Methylierung und Histon-Modifikation. DNA-Methylierung beschreibt den Vorgang, dass sich an die Nukleotide der DNA Methylgruppen (CH3) binden und so das Ablesen des Gens verhindern. Histon-Modifikationen setzen an den Histonen an, jenen Proteinen um die die DNA wie ein Faden gewickelt ist. So können sich an die Histone Acetylgruppen binden, die die Histone auflockern und so die DNA zur Genexpression freilegen. Beide Mechanismen stelle ich in einem Artikel zur Genregulation und Epigenetik im Detail vor.[10]

Wie soll hier der mRNA-Impfstoff die Genexpression beeinflussen? Weder synthetisiert er Methyl- oder Acetylgruppen, noch gelangt die mRNA in den Zellkern um die Methylierung der DNA oder die Histon-Modifikation zu beeinflussen. Die mRNA wird zwar bei der Proteinsynthese im Zellkern gebildet und verlässt diesen dann[11]. Aber einmal verlassen, kann sie nicht wieder in den Zellkern gelangen. Natürlich wäre es mit ausreichend Phantasie vorstellbar, dass durch die Impfung die Methylierung indirekt beeinflusst werden könnte. Der Stich in den Arm könnte eine Stressreaktion hervorrufen, die gewisse Nebeneffekte erzeugt, die das Methylierungsmuster der DNA verändern und diese könnten ggfs. negative Folgen haben. Aber mit genügend Phantasie könnte man auch mit Fug und Recht behaupten, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in China die Windverhältnisse so stark verändert hat, dass der erzeugte Windhauch die Coronaviren nach Deutschland geschleudert hat und wir nun alle krank werden. Ohne plausible Hypothesen und Mechanismen, sowie empirischen Daten bleiben solche Aussagen leere Worthülsen und verdienen daher keine Beachtung. Zumindest belegen groß angelegte Studien mit tausenden von Teilnehmern, dass die Nebenwirkungen gering sind, geringer sind als durch eine Covid-Infektion. (Mulligan et al. 2020[12], Polack et al. 2020[13], Jackson et al. 2020[14])

Andere Bereiche der Genregulation, wie alternatives Spleißen, Transkriptionsfaktoren, mikroRNAs und RNA-Interferenz (RNAi), Prionen und maternale Effekte sowie phänotypische Plastizität und genetische Assimilation gehören nicht zur Epigenetik im klassischen Sinne und liefern ebenso wenig plausible Gründe, wie die mRNA-Impfung (oder alle anderen Impfungen) zu großen Nebenwirkungen führen kann. All diese Mechanismen einzeln zu erläutern würden auch den Rahmen des Artikels sprengen.

Es gibt nicht den Hauch eines Hinweises, dass Impfungen – egal welcher Art – in IRGEND einer Weise die Epigenetik beeinflussen. Punktum.

Abschluss

Man sieht, dass zwar Frau Henns Artikel vorgibt biologische Tatsachen zu verstehen und den Laien durchaus beeindrucken kann. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich diese jedoch nicht so weise. Um es kurz zusammenzufassen:

  1. Führt der Hib-Impfstoff zu einem erhöhten Risiko von Diabetes? Nein (Frau Henn hat die Studie, die sie selbst verlinkt wohl auch nicht gelesen)
  2. Haben unsere Zellen eine Reverse Transkriptase wie Retroviren und könnte so der mRNA-Impfstoff in DNA umgewandelt und in unser Genom eingebaut werden? Die endogenen Retroviren haben zwar dieses Enzym, welches aber ineffizient arbeitet und für uns keine reale Gefahr darstellt und dies hat auch nichts mit dem mRNA-Impfstoff zu tun. Die Telomerase unserer Zellen ist nicht mit der Reverse Transkriptase der Retrovieren morphologisch oder funktionell vergleichbar.
  3. Kann die Epigenetik durch den mRNA-Impfstoff beeinflusst werden? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Zumindest weniger als durch den Konsum von Alkohol oder Fast Food. Ohne plausible Mechanismen und Hypothesen bleiben solche Aussagen leere Worthülsen.

Wenn diese Grundannahmen von Dagmar Henn sich als falsch erweisen, wie glaubwürdig sind dann ihre anderen Artikel zur Impfung?

Es ließe sich noch viel mehr über die mRNA-Impfstoffe sagen: ihre schnelle Zulassung (die Frau Henn ja auch bemängelt), was eigentlich Langzeitfolgen sind, warum man auf mRNA-Impfstoffe setzt und wie es mit dem Haftungsausschluss ist. Diesbezüglich gibt es auf meinem Blog schon einen Artikel, sodass ich das hier nicht wiederholen möchte[15].

[1] https://de.rt.com/meinung/126020-glaskugel-zdf-oder-wie-wissenschaft/

[2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12482192/

[3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12911277/

[4] Siehe Endogene Retroviren und Transposons https://internet-evoluzzer.de/endogene-retroviren-und-transposons/

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Reverse_Transkriptase

[6] https://internet-evoluzzer.de/dna-replikation/

[7] https://internet-evoluzzer.de/dna/

[8] https://www.amazon.de/Evolution-Four-Dimensions-Epigenetic-Philosophical/dp/0262525844/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=Evolution+in+four+Dimensions%E2%80%9C&qid=1637964337&sr=8-1

[9] https://whyevolutionistrue.com/2020/09/28/the-intellectual-vacuity-of-new-scientists-evolution-issue-3-the-supposed-importance-of-epigenetics-in-evolution/

[10] https://internet-evoluzzer.de/genregulation-und-epigenetik/

[11] https://internet-evoluzzer.de/proteinbiosynthese/

[12] https://www.nature.com/articles/s41586-020-2639-4

[13] https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2034577

[14] https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2022483

[15] https://internet-evoluzzer.de/ist-der-neue-corona-impfstoff-gefaehrlich/