Problemstellung

Wir haben uns in den vorherigen Teilen vor allem mit der Genetik befasst. Wir konnten feststellen, dass biologisch zwei Geschlechter funktional sind und mit der Produktion unterschiedlicher haploider Keimzellen einhergehen. Intersexuelle hingegen lassen sich keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen, bilden aber damit kein drittes (oder x-tes) Geschlecht, da sie keinen neuen Keimzellentyp hervorbringen. In der Biologie besteht weitestgehend Einigkeit darüber, dass die beiden biologischen Geschlechter Fakten sind.

Nun mögen vielleicht Penis und Vagina sowie Samen- und Eizelle interessant sein, doch die meisten interessieren sich vor allem für das, was angeblich wirklich Männer und Frauen unterscheidet: ihr Wesen, ihre Persönlichkeit, ihr Fühlen, ihr Denken und ihr Gehirn. Wenn behauptet wird Männer und Frauen seien völlig unterschiedlich, so als ob sie von verschiedenen Planeten kämen, dann treffe es eben auch auf alles zu. Die “Wissenschaft” dahinter scheint simpel und klar: Die Evolution erschuf Männer und Frauen mit evolutionär unterschiedlichen Aufgaben und entsprechenden Hirnen. Die Geschlechterunterschiede scheinen auch im Gehirn, also damit auch im Verhalten und der Psyche festgelegt (“hardwired”): Frauen seien die Sprachbegabteren und können sich besser in andere einfühlen, weil ihre Gehirnhälften besser vernetzt sind. Männer hingegen seien Sprachmuffel, dafür jedoch besser in Mathematik und im räumlichen Denken. Das habe natürlich auch evolutionäre Hintergründe. Während der Steinzeit saßen die Damen zu Hause, kümmerten sich um die Kinder und kommunizierten sehr viel (ob Klatsch- und Tratsch-Magazine in Stein gemeißelt wurden, das konnten Evolutionspsychologen noch nicht beweisen). Männer hingegen waren die Jäger und mussten sich daher räumlich besser orientieren und logischer denken. Dieses Steinzeithirn, welches wir entwickelten, hat auch bis heute noch Bestand, so die gängige Hypothese. Wir können bei Kutscheras Gender-Buch lesen:  Männer seien aufgrund ihres Testosteronspiegels für die Kinderaufzucht ungeeignet (KUTSCHERA 2018: S. 307). Auch die Berufswahl sei geschlechterspezifisch. So interessieren sich Frauen für ihn nicht für die “harten Naturwissenschaften”, sowie für Informatik und Ingenieurswissenschaften (KUTSCHERA 2018: S. 159 & 185). Der Versuch, „junge Frauen mit allen Mitteln dazu zu überreden, Ingenieurinnen zu werden“ sei, so Kutschera, eine „geistige Vergewaltigung heranwachsender Frauen“ (KUTSCHERA 2018: S. 48). Er betont zwar, er würde sich durchaus für die Frauen in der Wissenschaft einsetzen, befürchtet aber gleichzeitig, dass die Biologie “verweichlicht” (bzw. “verweiblicht“) werden soll (KUTSCHERA 2018: S.116). Interessant, dass hier eine Verbindung zwischen verweichlicht und verweiblicht gezogen wird.

Dominante Frauen sind für Kutschera ein “evolutionary dead end”. “Alpha-Frauen” finden keinen Partner oder werden von solchen nicht akzeptiert. Diese “ökonomisch erfolgreichen” Frauen bleiben ohne Kinder und sterben entsprechend kinderlos aus (KUTSCHERA 2018: S. 270). Ob hier ein Wunschgedanke Kutscheras hervorschimmert oder ob seine Aussagen durch vielfach “soliden Quellen belegt” (KUTSCHERA 2018: S. 7) sind, erfahren wir nicht (seine “soliden Quellen”, stehen, wie schon in Teil 5 angedeutet, auf wackeligen Füßen); aber man könnte ja Frau Kutschera fragen. Zumindest muss wohl Kinderaufzucht Frauenarbeit sein, da er Männer dafür ungeeignet hält und Kitas als “staatlich organisierte Aufzuchtanstalten” diffamiert werden, weil so die Feministinnen die Frauen von der biologischen Funktion der Kinderaufzucht abhalten (KUTSCHERA 2018: S. 44). Man kann sicherlich darüber streiten, dass in Kitas zu wenige oder zu schlecht ausgebildete Erzieher arbeiten, aber durch solche Aussagen wirkt es, als ob Kutschera selbst schlechte Kindheitserinnerungen aufarbeiten will (in seinem Buch berichtet er über seine Verwandten in der DDR, die offensichtlich alle Stasi-Spitzel waren und da es in der DDR eine gute Kinderbetreuung gab, versucht er offensichtlich eins und eins zusammenzuzählen).

Kutschera stellt auf Seite 22 eine Illustration geschlechterspezifischer Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen anhand eines Gemäldes aus dem Jahr 1848 dar: brave Mädchen, freche Jungs. Diese Geschlechterunterschiede seien naturgegeben. Zwar streitet Kutschera nicht ab, dass auch eine soziale Prägung eine Rolle spiele, ignoriert es aber mit einer ausführlichen Erklärung dies zu erläutern. Denn solche Bilder seien eindeutig. Für Kutschera sind “[d]ie Jungen sind mehrheitlich aktiv-aggressiv-autoritätsverachtend-selbstbestimmt […] die Mädchen hingegen sind brav und angepasst“ (KUTSCHERA 2018: S. 23). Aus der Perspektive der Evolutionsbiologie (bzw. Psychologie) verdeutliche dieses Bild die naturgegebenen Geschlechterrollen. Davon abweichende Verhaltensweisen, beispielsweise „Mädchen, die boxen“ und „Jungen, die tanzen“ bezeichnet er als statistische „Extreme“ (KUTSCHERA 2018: S. 26). Solche statistischen Abweichungen seien auf “genetische Unterschiede” zurückzuführen. Ob dies so ist und ob tanzende Jungen wirklich statistische “Extreme” sind und wie sie entstehen, lassen sich aus solchen Behauptungen alleine nicht belegen. Warum Kutschera ausgerechnet das 19. Jh. als Beispiel für die “natürlichen Geschlechterrollen” genommen hat, darf Kutschera gerne mit weiblichen Wikingern und Spartanern diskutieren oder besucht mal einige Naturvölker.

Joe HERBERTS Buch “Testosterone: Sex, Power and the Will to Win” hebt besonders die Rolle des “Männlichkeitshormons” Testosteron hervor, ohne den es keine menschliche Geschichte gäbe. Es seien besonders diese “männlichen” Qualitäten, die es erlauben, warum Männer so erfolgreich sind.

Dies sollen nur zwei Beispiele sein, die verdeutlichen, wie hartnäckig diese Behauptungen sind, da sie gewisse Geschlechterklischees zu beweisen meinen. Und wir haben sicherlich alle davon gehört. Das Problem: An diesem Mythen ist wenig dran. Während sich die Geschlechter durch ihre Keimzellenproduktion unterscheiden und klar definieren und abtrennen lassen, ist es beim Gehirn und Verhalten eben nicht so einfach – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei anderen Tieren. Damit betrete ich sicherlich ein Mienenfeld, da nicht wenige an diese Klischees und Halbwahrheiten glauben, sie wohl aber nicht zu hinterfragen vermögen, bzw. keine Ahnung oder Übersicht über die Forschungsliteratur haben (inklusive des großen Kasseler Biologen Kutschera).

Historisches und Philosophisches

Der Versuch Menschengruppen wissenschaftlich zu erfassen und Unterschiede bei ihnen herauszufiltern ist fast so alt wie die Wissenschaft selbst. Die oben zitierten Aussagen Kutscheras und anderer Wissenschaftler sind also an sich nichts Neues. Der biologische Determinismus, also die Vorstellung, die Biologie sei Schicksal und jegliche gesellschaftlichen Phänomene seien damit biologisch begründbar, wird wieder beliebter, wie immer in Zeiten des politischen Rückschritts. Zweifelsohne sind die beliebtesten Themen des biologischen Determinismus geistige Fähigkeiten wie Intelligenz und Empathie oder gesellschaftliche Fragen wie Armut und Kriminalität. Im 19. Jahrhundert waren Schädelmessungen (Kraniometrie, Abb. 1) die führende Wissenschaft des biologischen Determinismus. Stephen Jay Gould hat in seinem Buch “Der falsch vermessene Mensch” sich dieser Frage des biologischen Determinismus historisch gewidmet (GOULD 1994). Der biologische Determinismus im 19. Jh. diente hauptsächlich dazu die Herrschaft der “weißen Rasse” ideologisch zu begründen, indem die kolonialisierten oder versklavten Völker (hauptsächlich die “Schwarzen”) als “dümmer”, “minderwertiger” oder “affenähnlicher” dargestellt werden sollten. Diese “kulturelle Überlegenheit” der Europäer machten auch keinen Halt in den Ansichten einiger namhafter Wissenschaftler. So hatten die drei größten Naturforscher des 19. Jh. für die Schwarzen nicht viel übrig. George Cuvier, in Frankreich als der “Aristoteles seiner Zeit” gefeiert und einer der Begründer der Geologie, Paläontologie und vergleichender Anatomie (wenn auch ein entschiedener Gegner des Evolutionsgedanken und größter Widersacher von Lamarck) bezeichnete Afrikaner als “die Verkommenste der menschlichen Rassen, deren Gestalt den Tieren nahekommt und deren Verstand nirgends ausreicht, eine ordentliche Regierung zu schaffen” (CUVIER 1812: S. 105, zitiert in GOULD 1994: S. 32).

Charles Lyell, Begründer der modernen Geologie, schrieb:

Das Gehirn des Buschmanns … geht in Richtung des Gehirns der Simiadae (Affen). Dies lässt auf eine Verbindung zwischen Mangel an Intelligenz und struktureller Ähnlichkeit schließen. Jede Menschenrasse hat ihren Platz, ganz wie die niederen Tiere.” (zitiert in GOULD 1994: S. 32).

Charles Darwin war ein liberaler Menschenfreund und Gegner der Sklaverei. In “Voyage of the Beagle” beschreibt er mit voller Empörung die miserable Behandlung der Sklaven auf dem amerikanischen Kontinent:

Und alle diese Taten werden von Menschen begangen und bemäntelt, die angeblich ihre Nächsten lieben wie sich selbst, die an Gott glauben und beten, dass sein Wille geschehe auf Erden! Es macht einem das Blut kochen und das Herz erschauern, wenn man denkt, dass wir Engländer und unsere amerikanischen Nachfahren mit ihrem angeberischen Geschrei nach Freiheit genauso schuldig waren und sind.” (zitiert in GOULD 1994: S. 33 Fußnote)

Nichtsdestotrotz hielt Darwin daran fest, dass die Europäer die höhere Rasse seien. Er schrieb von einer Zukunft, in der sich die Kluft zwischen Mensch und Affe weiten müsse, weil Zwischenglieder wie Schimpansen und Hottentotten aussterben würden:

Die Lücke wird dann größer werden, denn sie wird dann zwischen einem Menschen, der hoffentlich noch zivilisierter sein wird als der Europäer, und einem niederen Affen wie dem Pavian liegen, statt wie bisher zwischen dem Neger oder Australier und dem Gorilla.” (DARWIN 1871, S. 201, zitiert in GOULD 1994, S. 33).

Alfred Russel Wallace, der zeitgleich mit Darwin das Prinzip der natürlichen Selektion entdeckte, waren ebenso ein Rassistenfeind. Er ging sogar so weit zu behaupten, dass alle Völker die gleichen angeborenen geistigen Fähigkeiten hatten. Jedoch nutzten die “Wilden” ihr Gehirn nicht vollständig, was aus der Rohheit und Rückständigkeit ihrer Kultur hervorgehe (vgl. GOULD 1994, S. 34).

Die Leistungen dieser Wissenschaftler soll keineswegs hiermit in Frage gestellt werden. Doch es zeigt sich, dass selbst die fortschrittlichsten unter ihnen (Darwin, Wallace) nicht frei waren von den kulturellen Einflüssen ihrer Gesellschaft, die sich als die höherwertige darstellte, eine Gesellschaft, die so versuchte ihre imperialistische Herrschaft zu rechtfertigen. Hierzu bediente sie sich des biologischen Determinismus.

Der biologische Determinismus war auch schon präsent, bevor die darwinsche Evolutionstheorie dominierend war. Im 18. Jahrhundert wurde der Rassismus “biblisch” begründet. So gab es eine “weichere” Argumentation, auch Monogenismus genannt, die postulierte, dass alle Völker der Erde von Adam und Eva abstammten. Die entstandenen Menschenrassen seien ein Ergebnis der Degeneration gegenüber dem Zustand der Vollkommenheit im Garten Eden; dabei sei die Degeneration der Schwarzen ab weitesten vorangeschritten. Klimatische Bedingungen wurden als Grundlage für diese “Degenerationen” ausgemacht. Die andere, “härtere” Argumentation, der Polygenismus, behauptete, dass die verschiedenen Menschenrassen Abkömmlinge unterschiedlicher Adams seien, also gesonderte biologische Arten seien. Daher kann eine “Gleichheit aller Menschen” nicht begründbar sein (vgl. GOULD 1994, S. 35). Samuel George Morton war ein Vertreter dieser Polygenie und sammelte wissenschaftliche Daten zur Untermauerung seiner Positionen. GOULD (1994: S. 54), der die Daten von Morton auswertete, bemerkt, dass “Mortons Zusammenfassungen … ein Mischmasch aus Pfusch und Mogelei [sind], eindeutig vom Interesse an der Bestätigung vorgefasster Überzeugungen motiviert.” Es seien jedoch keine bewussten Fälschungen gewesen, denn dafür waren die Daten zu detailreich und zu genau, wohl aber eine nicht beabsichtigte Schummelei, z. B. durch Weglassen widersprüchlicher Daten oder willkürlicher Zusammenführungen von Gruppen (“Rassen”) etc. Schädelmessungen waren aber auch noch in Mode, als die Darwinsche Evolutionstheorie allgemein anerkannt wurde. So versuchte man die “Weißen” (und hierbei übrigens nur die reichen Männer) als die überlegene Rasse darzustellen. Paul Broca gehörte hierbei zu den wichtigsten Schädelmessern. Seine Daten fasst er als “objektive Tatsachen zusammen”, die nicht durch ideologische Befangenheiten beeinflusst werden sollen:

Es gibt keinen Glauben, so achtenswert er sein mag, kein Interesse, so legitim auch immer, das nicht an den Fortschritt des menschlichen Wissens anpassen und der Wahrheit beugen müsse.” (zitiert in GOULD 1994, S. 85). Mit den Anhängern des Gleichheitsgedankens unter den Wissenschaftlern sprang Broca übrigens sehr grob um, weil sie ihre Berufung herabwürdigen indem sie einem politischen Träume gestatten das Urteilsvermögen zu trüben und die objektive Wahrheit zu verfälschen (vgl. GOULD 1994, S. 85). Die gesellschaftlichen Zustände müssen sich der Biologie beugen. Deterministen glauben an strenge Messungen und “objektive” Daten, die angeblich Unabhängig von einer Ideologie sind. Diese Position Brocas sollte man im Kopf behalten, fällt doch auf, dass auch heute Vertreter des biologischen Determinismus genauso argumentieren.

Abb. 1: Kraniometrische Darstellung aus dem 19. Jh., die die Affenähnlichkeit von Afrikanern und Affen “beweisen” sollen

Doch geht Broca selbst tatsächlich “kulturell vor”. GOULD (1994) belegt, dass Broca seine Daten nicht gefälscht hat. Er war ein ziemlich genauer und akribischer Vermesser von Menschenschädeln und anderen Merkmalen. Doch er war ideologisch verblendet, da er seine Daten selektiv nutzte. Messmethoden, die seinem Bild der “höher entwickelten” weißen Rasse und der “niederen” Schwarzen widersprachen, wurden ignoriert. Der Körper eines Menschen lässt sich nämlich auf tausende Arten vermessen. Broca wollte z. B. die Überlegenheit der Weißen beweisen, indem er das Verhältnis des Unterarmknochens zum Oberarmknochen abmaß; Affen haben typischerweise längere Unterarmknochen. Träfe dies auch auf Schwarze zu, wäre die Nähe der Schwarzen zu den Affen belegt. Doch es gab bei der Vermessung verschiedener Menschen”rassen” das Problem, dass dieses Bild nicht aufging, folgerichtig wurde diese Messmethode verworfen, da sie kein “richtiges” Bild über die “Höherwertigkeit” der Weißen belegte. GOULD (1994: S. 89) bemerkt: “Broca pfuschte nicht an den Zahlen herum; er wählte bloß unter ihnen aus oder interpretierte um sie herum, um zu seinen gewünschten Schlussfolgerungen zu gelangen.”

Tatsächlich besteht das Problem, dass man auch Gehirne unterschiedlich messen kann: so spielt z. B. das Alter der Probanden, ihr Todeszeitpunkt und Todesart ebenfalls eine Rolle, wie auch, welche Teile des Gehirns man hinzurechnet – z. B. ob man die Hirnhäute, die das Gehirn umgeben, in die Messungen mit einbezieht oder nicht. Das alles hat einen Einfluss auf die Größe bzw. das Volumen des Gehirns.

Broca schrieb nicht nur über Menschenrassen, sondern auch Frauen. Von diesem Vergleich sammelte Broca übrigens die meisten Daten. Broca schrieb z. B. 1861:

Wir könnten fragen, ob die Kleinheit des Frauenhirns ausschließlich mit ihrer geringen Körpergröße zu tun hat. Tiedemann hat diese Erklärung vorgeschlagen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass Frauen im Durchschnitt ein bisschen dümmer sind als Männer, ein Unterschied, den man nicht übertreiben sollte, der aber nichtsdestoweniger real ist. Es ist uns daher die annahme gestattet, dass die reale Kleinheit des Frauenhirns zum Teil von ihrer körperlichen Unterlegenheit und zum Teil von ihrer geistigen Unterlegenheit herrührt.” (zitiert in GOULD 1994: S. 107-108)

Brocas Schüler Topinard erklärte die evolutionäre Bedeutung der größeren Männerhirne 1888:

Der Mann, der für zwei oder mehr im Daseinskampf fechten muss, der die gesamte Verantwortung und die Sorgen für den nächsten Tag trägt, der ständig im Kampf mit der Umwelt und menschlichen Rivalen liegt, braucht mehr Hirn als das Weib, das er schützen und nähren muss, als die Sesshafte, der jede innere Beschäftigung fehlt und deren Rolle darin besteht, Kinder aufzuziehen, zu lieben und passiv zu sein.” (zitiert in GOULD 1994: S. 108)

Der deutsche Antropologe E. Huschke schrieb 1854, dass “das Negerhirn, sowohl das große wie auch das kleine, und auch das Rückenmark den Typus eines weiblichen und kindlichen Europäergehirns zeige und außerdem demjenigen des Affen ähnlich sei” (zitiert in GOULD 1994: S. 106).

Der deutsche Anatom Carl Vogt schrieb 1863:

Der erwachsene Neger hält hinsichtlich der geistigen Eigenschaften einerseits mit dem Kinde, andererseits mit dem Weibe und selbst dem Greisenalter des Weißen … Einige Stämme … haben Staaten gegründet, die ganz eigentümliche Organisationen besitzen; im übrigen kann man dreist behaupten, dass die ganze Rasse weder in der Vergangenheit, noch in der gegenwart etwas geleistet hat, welches zum Fortschritte des Entwicklungsgangs der Menschheit nötig oder der Erhaltung wert gewesen wäre.” (zitiert in GOULD 1994: S. 107)

Brocas Kollege G. Hervé verfasste1881 folgende Worte:

Männer der schwarzen Rassen haben ein Hirn, das kaum schwerer ist als das weißer Frauen.” (zitiert in GOULD 1994: S. 107)

Viele Anhänger des biologischen Determinismus stützten sich auf die Rekapitulationshypothese von Ernst Haeckel. Man behauptete, dass der Stammbaum des Lebens sich unmittelbar aus der Entwicklung von Embryonen höherer Lebensformen ablesen lasse. So gehe ein Säugetierembryo das Stadiums der (erwachsenen!) Fische, Amphibien und Reptilien durch, bis es die Säugetiermerkmale entwickele (die Ontogenie ist eine Rekapitulation der Phylogenie – zu Deutsch: die Embryonalentwicklung ist eine kurze Wiederholung der Evolutionsgeschichte). Tatsächlich gibt es einzelne Strukturen in einem Embryo, die eine Verwandtschaft mit anderen Tiergruppen nahelegen. Beispielsweise entwickeln Wirbeltierembryonen Kiemenspalten – bei Fischen entwickeln sie sich zu Kiemen, bei Landwirbeltieren zu Strukturen des Halses und des Kopfes. Diese naheliegende Verwandtschaft beweist, dass embryonale Gewebe sich anders entwickeln können, was einen Einfluss auf das Evolutionsgeschehen hat. Daraus ist aber nicht zu folgern, dass die Embryonalentwicklung eine gesamte Evolutionsgeschichte durchläuft, schon gar keine Entwicklung zum “Höheren”. Nicht zuletzt weil einige Entwicklungswege “übersprungen werden können; so entwickeln Vogelembryonen keine Zähne, obwohl ihre Vorfahren bezahnt waren. Auch gibt es Sonderanpassungen, die gar nicht phylogenetisch, sondern ökologisch zu erklären sind (z. B. diverse Larvenstadien). Biologische Deterministen benutzten aber diese Rekapitulationshypothese dazu rassistische und sexistische Positionen zu rechtfertigen. Die Erwachsenen der “tieferstehenden” Gruppen seien dabei ein Abbild der Kinder “höherstehender” Gruppen. Schwarze und weiße Frauen seien daher wie weiße männliche Kinder (vgl. GOULD 1994, 118 ff.).

Gustav Le Bon, der größte Weiberhasser von Brocas Schule und Begründer der Sozialpsychologie, kam zu dem politischen Schluss:

Bei den intelligentesten Rassen, wie bei den Parisern, gibt es eine große Anzahl von Frauen, deren Gehirn der Größe nach den Gorillas näher steht als den höchstentwickelten männlichen Hirnen. Diese Unterlegenheit ist so offensichtlich, dass niemand sie auch nur einen Augenblick bestreiten kann; nur ihr Ausmaß lohnt die Erörterung. Alle Psychologen, die die Intelligenz der Frauen studiert haben, erkennen heute ebenso wie Dichter und Romanschriftsteller, dass sie eine der minderwertigsten Formen der Menschheitsentwicklung darstellen und Kinder und Wilden näher sind als dem erwachsenen zivilisierten Mann. Sie zeichnen sich aus durch Launenhaftigkeit, Sprunghaftigkeit, Gedankenarmut, Mangel an Logik und durch die Unfähigkeit zu denken. Zweifellos gibt es einige hervorragende Frauen, die dem Durchschnittsmann weit überlegen sind, doch sind sie so außergewöhnlich wie die Geburt einer Monstrosität, z. B. eines Gorillas mit Zwei Köpfen; daher können wir sie völlig außer Acht lassen.” (zitiert in GOULD 1994: S. 108-109)

Weiterhin schrieb Le Bon:

Am Tag, wo die Frauen in Verkennung der niederen Tätigkeiten, die die Natur ihnen zugeschrieben hat, das Haus verlassen und sich an unseren Schlachten beteiligen; an diesem Tag wird eine soziale Revolution eintreten, und alles wird untergehen, was die heiligen Bande der Familie bewahrt.” (zitiert in GOULD 1994: S. 109)

Kommen einem diese Zitate irgendwie verdächtig bekannt vor? Auch wenn heute die offen rassistischen Aussagen nicht mehr geläufig sind, so finden sich zweifellos Parallelen zwischen einigen modernen biologischen Deterministen und Le Bons Aussagen. Kutschera wirft, Brocas Wettern gegen politische Traumata gleich, Gender-Ideologen vor, dass sie die traditionellen Geschlechterrollen vernichten wollen. Er unterstellt Männer sollen als „das starke Geschlecht [ihren] unakzeptabel hohen Testosteronspiegel herunterfahren und Mutterinstinkte entwickeln“ und aus Frauen sollen keine “richtigen Frauen” mehr werden, sondern “vermännlicht” und ohne Kinder. Dies sei der Grund für den Rückgang der Geburten in Deutschland (KUTSCHERA 2018: S. 307). Menschen sollen zu sogenannten “Uni-Sex”-Menschen werden, also zu geschlechtsneutralen oder geschlechtslosen Wesen (KUTSCHERA 2018: S. 44 ff.). Und das alles nur, weil die Gender-Ideologie nicht den Biologen zuhören will. Mag Kutscheras Kritik an der Gender-Ideologie teilweise berechtigt sein, aber biologischer Determinismus ist nicht weniger kulturell geprägt.

Wie anpassungsfähig, bzw. wechselhaft, solche rassistischen und sexistischen Positionen sind zeigt sich gerade in Bezug zur Rekapitulationshypothese. In den 1920ern wurde eine weitere Hypothese berühmt, die der Rekapitulationshypothese widersprach: die Neotenie. Neotenie bedeutet, dass Tiere in ihrem Jugendstadium die Geschlechtsreife erreichen. Prominentes Beispiel ist die Amphibienart Axolotl (Ambystoma mexicanum). Wie die meisten Amphibienarten haben die Tiere eine Metamorphose, bei denen aus wasserlebenden, kiemenatmenden Larven (bei Fröschen: Kaulquappen) landlebende, lungenatmende und geschlechtsreife Tiere werden. Nun gibt es aber einige Arten, die diese Geschlechtsreife schon im Larvenstadium erreichen können. So können jugendliche (juvenile) Axolotl, die noch Kiemen besitzen, Keimzellen produzieren und sich fortpflanzen. Diese Neotenie wurde auch auf die Menschen übertragen, als man feststellte, dass die Köpfe jugendlicher Affen “menschenähnliche” Züge vorweisen (größerer Hirnschädel im Vergleich zum Gesichtsschädel). Daraus schloss man, dass Menschen “jugendliche Affen” seien. Louis Bolk gehörte zu den Hauptvertretern dieser Hypothese. Diese Argumentation hatte aber ein Problem: Postulierte die Rekapitulationshypothese, dass die Merkmale von Jugendlichen primitive Merkmale erwachsener Vorfahren waren und somit Schwarze und Frauen gerade auf diesen primitiven, jugendlichen Entwicklungsstadium steckengeblieben sind, so behauptete die Neotenie das genauer Gegenteil: Jugendliche Merkmale sind nun höher entwickelt. Demnach wären laut Neotenie nun die weißen reichen Männer primitiver, da sie diese “hochentwickelten” kindlichen Merkmale nicht besitzen. Wie hatte man dieses “Dilemma” gelöst, denn schließlich könne ja, wenn es nach dem biologischen Determinismus ginge, nur die Schwarzen, Frauen, Weißen der Unterschicht etc. primitiv sein. Die Lösung ist simpel und einfach: Man wirft alles, was die Rekapitulationshypothese behauptet hat über Bord und nutzt die “Argumente” der Neotenie (vgl. GOULD 1994 S. 125 ff.).

Kutschera verteidigt ein “biologisches Weltbild” gegen die “political correctness” der Gender-Ideologie. Er vergisst jedoch dabei, dass auch sein Frauenbild – er übernimmt, wie zu Beginn dargestellt, die traditionellen Geschlechterrollen des 19. Jh. – kulturell geprägt ist, das er versucht biologisch zu begründen. Es hat den Anschein, dass Kutschera dem Frauenbild des 19. Jh. nachtrauert, bei dem die Frau brav zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert und der Mann das Geld anschaffe. Wenn Frauen arbeiten gehen, schadet es dem Kindeswohl – zwar stellt er sich als Verteidiger der “Frauenrechte” im Berufsleben dar (offensichtlich, weil er nicht die Macht hat das selbst zu bestimmen), fürchtet aber um die “Verweichlichung/Verweiblichung” der Naturwissenschaften. Zur Verteidigung der “Richtigkeit” seines “natürlichen” Frauenbildes zieht er natürlich seine wichtigen Vorbilder zu Rate: Schoppenhauer und Darwin.

Kutschera widmet interessanterweise mehrere Seiten seines Buches dem (wirklich grottenschlechten) Philosophen Arthur Schoppenhauer. In einem Kapitel (Arthur Schopenhauers Weiber-Analyse, KUTSCHERA 2018: S. 136 – 143) zitiert Kutschera mehrere Aussagen Schopenhauers über dessen Frauenbild. Es unterschiedet sich nicht im geringsten von den oben zitierten Aussagen Le Bons, Brocas und anderer und soll daher nicht wiederholt werden. Es wirkt jedoch unfreiwillig komisch, wenn Kutschera diese lächerlichen Darstellungen Schoppenhauers, der offensichtlich Probleme mit seiner Mutter hatte (was Kutschera zugibt), als “Weiber-Analyse” darstellt. Wenn er auf Seite 139 erwähnt, dass es einen Hausfrauenbund gäbe, der um die Anerkennung der Hausfrau als Beruf werbe, so wird Schoppenhausers (und Kutscheras) Aussage, dass die Frau ins Haus gehört, nicht richtiger. Umso peinlicher wird es, wenn Kutschera dann auf Seite 142 verlautbart, Schoppenhauer, der “[s)chon [beim] Anblick der weiblichen Gestalt [schlussfolgert], dass das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt” (KUTSCHERA 2018: S. 136) sei, sei ein “Gentleman und Frauenfreund” gewesen, weil er einer Berliner Ex-Freundin ein Erbe verlieh. Nachdem er dem wohl etwas gestörten Schoppenhauer mehrere Seiten gewidmet hat (warum eigentlich? Was trägt sein allerhöchsten historisch interessantes Geschreibsel zur Klärung der Frage bei?) zitiert Kutschera Darwins antifeministische Positionen (KUTSCHERA 2018, S. 143 ff.). So zitiert er Darwins Aussagen über die körperlichen, aber vor allem geistigen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Auch sie liefern wenig Neues zu oben gesagtem, nur dass Kutschera die kulturell-historischen Einflusse (von denen Darwin nicht frei war, er bezeichnet diverse Eingeborenenstämme nämlich als “Wilde”) leugnet und untermauert diese historischen Aussagen über geistige Unterschiede nur beiläufig (quasi als Randnotiz) durch aktuelles, aber sehr dürftiges, hauptsächlich populärwissenschaftliches Material (z. B. PINKER 2008 & MEYER 2015).

Dass die Geschlechterrollen im Laufe der Geschichte sich änderten muss hier nicht angerissen werden. Doch warum war das Frauenbild der “westlichen Zivilisation” im 19. Jh. so frauenfeindlich? Dies ist keineswegs vom Himmel gefallen, sondern hatte gesellschaftliche Ursachen: es fällt in die Zeit der Industrialisierung und europäischen Kolonialpolitik. Die kapitalistische Produktionsweise musste möglichst viel Profit von aus den Arbeitskräften herausschöpfen, bei dem auch Kinder nicht verschont blieben (wieso eigentlich, lieber Herr Prof. Kutschera soll das Frauenbild dieser Zeit “biologisch richtig sein”, das Bild über Schwarze oder Kinderarbeit aber nicht? Wo setzt man die Grenze, hatte man doch zu der Zeit alles biologisch begründet?). Die Reproduktion der Arbeitskraft, also die Wiederherstellung der verausgabten Arbeitskraft, die alle gesellschaftlichen und individuellen Aufwendungen für Nahrung, Kleidung, Wohnraum, Erholung, Kultur, Erziehung und Bildung beinhaltet, war “Privatsache” der Arbeiter. Zu dieser Reproduktion zählte also auch die Kindererziehung (die ja die zukünftige Arbeitergeneration darstellte). Da die Klasse der Privateigentümer (Kapitalisten) nicht willens war dafür aufzukommen (und wenn das nur für das Allernötigste), war es die logische Folge, dass sich Frauen zu Hause um ihre Kinder kümmern mussten – ob sie berufstätig waren oder nicht. Entsprechend war es üblich, dass die Frau, da die Kindererziehung, wie auch der Haushalt, zur “Frauensache” wurde, zur Hausfrau wurde und der Mann zum Werktätigen. Dadurch entstand auch die Abhängigkeit der Frau vom Manne, die bürgerliche Familie. Marx und Engels sprachen daher von der doppelten Ausbeutung der Frauen – einmal als Ware Arbeitskraft, einmal als Hauptlast der Reproduktion. Erst mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung war der bürgerliche Staat dazu gezwungen Zugeständnisse zu machen. (Nur hier vorweg, weil eine Reihe “Libertärer” das fälschlicherweise behaupten: Marx und Engels, wie auch die gesamte Arbeiterbewegung, hatten niemals zum Ziel gehabt die Familie zu zerstören, sondern ihren bürgerlichen Charakter zu beseitigen; Frauen vergesellschaften wollten sie auch nicht.)

Aber eine jede Herrschaftsform braucht ihre ideologische Rechtfertigung: und was rechtfertigt diese bürgerlichen Machtverhältnisse besser, als diese als “natürlich” darzustellen – seien sie von Gott gewollt, oder biologisch begründbar.

Nicht anders verhielt es sich mit dem Rassismus: um die imperialistische Ausbeutung der Kolonien ideologisch zu rechtfertigen, mussten die in den Kolonien lebenden Menschen entmenschlicht werden.

Heute argumentiert man nicht mehr mit Schädelmessungen und auch nicht mehr so offen rassistisch oder sexistisch. Anstelle der Kraniologie traten IQ-Tests, “Gene” und Unterschiede im Feinbau des Gehirns. Die grundlegende Argumentation hat sich jedoch nicht geändert: Soziale und ökonomische Rollen spiegeln die angeborene Veranlagung der Menschen genau wider. Man beruft sich auf die Wissenschaft als objektive Erkenntnis, die angeblich frei von politischer und gesellschaftlicher Prägung ist (genau deswegen führt Kutschera ein Interview mit der AfD!?). Sie stellen sich selbst als Verbreiter der nüchternen Wahrheit dar und ihre Gegner sind der Gefühlsduselei, einer Ideologie und einem Wunschdenken verfallen.

Weil aber der biologische Determinismus für die herrschenden Gruppen so von eindeutigem Nutzen ist, darf (und muss) man vermuten, dass er auch in einem politischen Kontext steht – die obigen Zitate haben dies ausdrücklich bewiesen. Wenn der Status quo von der Natur so gegeben ist (die kapitalistische Produktionsweise), ist jede soziale Veränderung, soweit sie möglich ist, eine ungeheure Belastung sein, Menschen in widernatürliche Verhältnisse zu zwingen. Die biologische und medizinische Argumentation über die “Natur des Menschen” geht fast immer einher mit konservativen und reaktionären Ideologien (deswegen das Interview Kutscheras mit der AfD und der katholischen Kirche!). es zeigt sich somit, dass die Wissenschaft auch immer von gesellschaftlichen Kräften genutzt, bzw. missbraucht wird. Daraus ist aber nicht abzuleiten, wie schon in Teil eins beschrieben, dass die Welt irrational, die Wahrheit als solche nicht existiere und alles “sozial konstruiert” ist. Die Irrationalisten verstehen nicht die dialektische Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Wissenschaft ist stets eine gesellschaftliche Tätigkeit, die von Menschen betrieben wird. Sie erforscht die damit real existierende Welt, sammelt Daten und Fakten und leitet aus der Praxis den Wahrheitsgehalt der Theorien nach. Gleichzeitig dienen aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse bestimmten sozialen Gruppen oder Klassen. Und wenn ein kapitalistisches Wirtschaftssystem Ausbeutung und Unterdrückung braucht, um lebensfähig zu sein, wird er die Wissenschaft für diese Zwecke in seinem Interesse nutzen. Das ist also keine “soziale Konstruktion”, sondern leitet sich wissenschaftlich aus den objektiven Produktionsbedingungen ab.   Und wenn die Praxis das Kriterium der Wahrheit ist, so hat die Praxis dem biologischen Determinismus widerlegt, denn dieser dient nur der Aufrechterhaltung des herrschenden Systems, völlig irrelevant wie stark biologische Deterministen nach “ideologiefreier Objektivität” schreien.

Leider nicht nur historisch

Dass der biologische Determinismus immer noch versucht sein Haupt empor zu heben, zeigt nicht nur Kutscheras Buch. Gerade in Bezug zu sensiblen Themen wie Intelligenz, Aggression & Krieg, Menschenrassen, Geschlechterrollen, Psychologie und anderer Phänomene des menschlichen Zusammenlebens herrschen immer noch diverse Mythen vor, die durch wissenschaftliche getarnte Publikationen in den Massenmedien verbreitetet werden. Es seien hier nur einige Beispiele erwähnt:

* 2010 verbreitete der SPD-Politiker Thilo Sarrazin sein pseudowissenschaftliches Buch “Deutschland schafft sich ab”, bei dem er nicht nur die Angst verbreitete, dass durch Zuwanderung von Ausländer und der geringen Fortpflanzungsrate der Bio-Deutschen, die deutsche Nation auszusterben droht. Er vertrat auch die Aussage, dass Intelligenz im wesentlichen genetisch determiniert sei.

* Mit der Entdeckung, dass es Männer gibt, die über zwei Y-Chromosomen verfügen (XYY) wurden diese Menschen in den 1960ern mit kriminellen Handlungen in Verbindung gebracht. Da Männer häufiger kriminell sind als Frauen, aber längst nicht jeder Mann kriminell, versuchte man die biologischen Gründe aggressiven Verhaltens zu ergründen. Aufgrund einiger anekdotischer Beweise (!) wurde Berichte laut, dass ein XYY-Träger häufiger in Einrichtungen für geisteskranke Kriminelle einsaßen. Das Märchen vom Verbrecher-Chromosom wurde geboren. Dieses Märchen ist aber schon in den 1970ern als das hingestellt worden, was es ist: nämlich ein Märchen. BORGAONKAR & SHAH (1974) sowie PYERITZ et al. (1977) entdeckten eine Reihe methodischer Schwächen in der Literatur auf, die eine Verbindung zwischen Y-Chromosom und Kriminalität entdeckt haben wollen. Zwar sind Männer mit dem XYY-Chromosomensatz überproportional in Anstalten für kriminelle Geisteskranke, doch es gibt kein Material für eine hohe Präsenz in gewöhnlichen Gefängnissen. Maximal ein Prozent der XYY-Männer in den USA verbringen eine Zeit ihres Lebens in Anstalten für kriminelle Geisteskranke, ergänzt man jene die in normalen Gefängnissen einsaßen oder sonst wie mit der Justiz in Berührung kamen, so leben nach CHOROVER (1979) 96% aller XYY-Männer ein gewöhnliches Leben. Ein merkwürdiges Verbrecher-Chromosom, dass 96% aller Betroffenen zu Nicht-Kriminellen macht. Heute sucht man übrigens nicht mehr nach dem Y-Chromosom als Ursache für Kriminalität oder Aggression. Heute scheint das Gen MAO-A eine Rolle zu spielen. Es ist das Gen für die Monoamino-Oxidase, welche beim Abbau von Botenstoffen beteiligt ist. Das MAO-A Gen kommt in der Bevölkerung in zwei Varianten vor. Die L-Variante von MAO-A produziert weniger Monoamino-Oxidase. Träger dieser L-Variante, die im Kindesalter Misshandlungen ausgesetzt waren, zeigen eine deutliche Empfindlichkeitserhöhung der Angstzentren im Gehirn, sowie eine verminderte dämpfende Wirkung auf andere Teile des Großhirns. Die L-Variante und eine belastende Biographie erhöhen im Jugendalter das Risiko für aggressives Verhalten. In den Medien wurde sie als “Krieger-Gen” beschrieben (kleiner Tipp: Wenn sie in den Massenmedien so etwas sehen oder lesen, können sie mit absoluter Sicherheit sagen, dass solche Aussagen nur maximal die halbe Geschichte erzählen). Daraus ist aber nicht zu schlussfolgern, dass Träger der L-Variante des MAO-A aggressive Menschen sind (und Träger der normalen Variante nicht). Die Misshandlung in der Kindheit sorgt dafür, dass die Wahrscheinlichkeit bei Trägern der L-Variante höher wird aggressiv zu werden. Das heißt übrigens damit auch, dass auch Träger der “normalen Variante” von MAO-A nach Kindesmisshandlungen aggressiveres Verhalten im Alter zeigen, nur weniger im Verhältnis zur “L-Variante”. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass nicht jeder der misshandelt wurde (egal ob “L-Variante” oder “normale Variante”), automatisch aggressives Verhalten an den Tag legt. Das Verhalten ist schlicht und einfach zu komplex und stark von den sozialen Bedingungen abhängig, als dass es mit nur einem Gen beschrieben werden kann (vgl. BAUER 2013, S. 101 – 102 & 229- 231).

* Teil 5 unserer “Mars versus Venus-Reihe” hatte schon die Andeutung gemacht, dass der genetische Unterschied zwischen Menschen sehr gering ist. Daraus ist zu schließen, dass die Einteilung von Menschen in Rassen keinen Sinn macht. Im Grunde genommen sind die genetischen Unterschiede zwischen den Populationen geringer als innerhalb einer Population. Das heißt beispielsweise, dass bei uns “Deutschen” (wenn wir diese als Population definieren wollen) dieselben Genvarianten vorkommen wie z. B. in einem afrikanischen Stamm (z. B. den Pygmäen). Vergleicht man aber beide Populationen, so ist der Unterschied sehr gering (vgl. auch FUTUYMA 2007, S. 2019 – 221). Nichtsdestotrotz gibt es sogenannte “Race Realists” (Rassen-Realisten), die immer noch darauf bestehen, dass die Einteilung in Menschenrassen legitim sind. Sie vermeiden es jedoch Rassisten genannt zu werden (wer will das schon), aber (ich bin ja kein Rassist, aber …) bestehen dennoch auf die Unterschiede in den Rassen. In den USA gehören hierzu z. B. Gregory Cochran und Henry Harpending, Autoren des Buches “The 10.000 Years Explosion”. Sie behaupten z. B. dass genetische Unterschiede immer noch groß genug sind, um von Menschenrassen zu sprechen. Ihre Hassobjekte scheinen dabei Biologen wie Stephen Jay Gould und Richard Lewontin zu sein. Ein Blog, welches sich kritisch mit den Aussagen von Cochran (und anderen Race “Realists”) befasst, schreibt:

Rassen-Realisten sind Leute, die daran glauben, dass die moderne genetische Forschung die Rassenunterschiede, sie im 18. Jahrhundert geschaffen wurden, bewahrheitet haben. Sie rationalisieren diesen Glauben oft damit, indem sie sich auf triviale Missverständnisse veröffentlichter Forschung oder Pseudowissenschaft berufen.  Eines ihrer Hauptziele in den letzten paar Jahrzehnten war der Evolutionsbiologe und Genetiker Richard Lewontin. Warum? Dies geht zurück auf seine Experimente in den späten 1960ern bis späten 1970ern. Durch die Methode der Gel-Elektrophorese konnte er zeigen, dass die Individuen der Fruchtfliege, einem Model-Organismus, genetisch diverser waren als gedacht. Hierfür erhielt er 2015 den Crafoord Preis für Biowissenschaften. (…) Später verwendete er einen ähnlichen Ansatz, um zu argumentieren, dass die meisten menschlichen Variationen innerhalb der Bevölkerung und nicht zwischen ihnen auftraten, und behauptete, dass das Konzept der Rasse für den Menschen nicht so nützlich oder wichtig sei. Lewontins Argumente waren jedoch unvollständig, da seine Analyse auf der Ebene eines einzelnen Locus lag. (…)

Moderne Studien wie Li et al.  (2008) und Rosenberg et al.  (2002) zeigen, dass bei 300+ loci und 650.000 Einzelnukleotid-Polymorphismen, die überwiegende Mehrheit der genetischen Variationen des Menschen (z. B. 93-95%) in der menschlichen Bevölkerung zu finden ist und nur eine winzige Fraktion zwischen ihnen (z. B. 3-5%).  Obwohl das ursprüngliche Argument von Lewontin eine wichtige Einschränkung hatte, wird seine Schlussfolgerung durch die moderne Genforschung unterstützt.Quelle

Lewontin und andere, die das Konzept der Menschenrasse widerlegten, sind natürlich gefundenes Fressen für Rassen-“Realisten” (das zeigt sich auch, dass Cochran kein Blatt vorm Mund nimmt und seine Gegner als “Idioten” abstempelt). Dabei verwenden die Rassen-“Realisten” folgende Scheinargumentation:

Wenn sie widerlegt werden, versuchen die meisten Befürworter der Pseudowissenschaft oft die Torpfosten zu verschieben und das Thema zu wechseln. Rassen-Realisten (oder „menschliche Biodiversitäts-Aktivisten“) antworten oft mit der Behauptung, dass es immer noch große phänotypische Unterschiede gibt oder dass sie der Meinung sind, dass traditionelle Rassenkategorien durch genetische Forschung bestätigt werden, unabhängig davon, wie klein die Unterschiede zwischen den Gruppen sind. Diese Ansätze kollabieren, da der Phänotyp durch eine Interaktion zwischen Genetik und Umwelt verursacht wird und man nicht naiv auf die relative Bedeutung von Genen und Umwelt auf der Ebene von Individuen mit einem solchen Ansatz schließen kann. Es ist möglich eine andere, aber verwandte, als Heritabilität bezeichnete, Metrik zu messen. Diese sagt uns, wie groß die Variation des Phänotyps über die Variation der Gene erklärt werden kann, aber nicht wie wichtig der genetische Beitrag auf individueller Ebene ist. Der andere Torpfostenzug schlägt fehl, weil ein ernsthaftes Verständnis für die biologische Bedeutung fehlt. Nur weil ein Unterschied existiert, bedeutet das noch nicht, dass ein solcher Unterschied groß genug ist, um biologisch relevant zu sein.” Quelle

* Eine andere Publikation, die Rassismus und Intelligenz miteinander verbinden will, ist das 1994 von Charles Murray & Richard Herrnstein veröffentlichte Buch “The Bell Curve”. Dort postulieren die Autoren, dass Schwarze und Latinos in den USA einen niedrigeren Intelligenzquotienten haben. Diese Studie erntete sehr viel berechtigte Kritik, hier sollen einige (englischsprachige) Kritiken verlinkt werden:

Debunking the Bell Curve

The Bell Curve Flattened

Stephen Jay Goulds Kritik

Diane F. Halperns Kritik

Hier sollen die Argumente gegen die “Bell Curve” nicht reproduziert werden, da der Schwerpunkt ein anderer ist. Doch wenn Sie Aussagen hören wie: Intelligenz ist zu 70% genetisch bedingt, dann heißt es eben nicht, dass 70% der Intelligenz erbliches Schicksal ist und nur 30% von der Umwelt beeinflusst werden. “Erblichkeit” in Bezug zur Intelligenz ist ein Maß dafür, wie sehr die Erbanlagen an der Ausprägung von Unterschieden zwischen zwei Menschen beteiligt sind. Soll heißen: Wenn Person A und Person B, die genetisch nicht miteinander verwandt sind, unter absolut gleichen Bedingungen aufwachsen (ob sowas überhaupt möglich ist?), sind die Intelligenzunterschiede zwischen beiden Personen höchstwahrscheinlich genetisch bedingt. Hat Person A einen IQ von 110 und Person B einen IQ von 120, so beträgt der IQ-Unterschied 10 Punkte. Postuliert man, dass beide Personen unter völlig identischen Bedingungen aufwachsen, dann ist dieser Unterschied von 10 IQ-Punkten zu 100% genetisch bedingt. Wie hoch aber der absolute Anteil der Gene ist, die für die Intelligenz sorgen, lässt sich aber dadurch nicht ermitteln, da die Umweltbedingungen ja immer noch da sind. Wie der Gesamt-IQ entstanden ist, lässt sich daraus also nicht ableiten (vgl. BECK 2014, S. 225-226).

Nebenbei bemerkt: nicht selten stehen biologische Deterministen auch mit rechten und anderen dubiosen Ideologien in Verbindung

Doch fernab ideologischer und philosophischer Implikationen – was haben die Vorwürfe der Unterschiede zwischen Männer- und Frauenhirne auf sich? Vielleicht mögen die oben erwähnten Zitate der biologischen Deterministen ideologisch motiviert und missbraucht worden sein. Doch bei ihnen ging es um Schädelmessungen und weitere Methoden. Heute wissen wir doch viel mehr über unsere Gehirne und wir sind (angeblich) kultiviert genug geistige Unterschiede anzuerkennen, ohne gleich dafür bestimmte Volksgruppen zu repressieren. Vielleicht ist ja die Gegnerschaft zum biologischen Determinismus nicht weniger ideologisch verblendet und es gibt diese realen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, schließlich erwähnt sie ja auch Kutschera an einigen Stellen (z. B. S. 230 ff.). Bestätigt also die wissenschaftliche Praxis doch den biologischen Determinismus, wenn nicht über Schädelmessungen, doch dann über Feinstrukturen im Gehirn oder psychologische Tests? Es wird Zeit dies zu prüfen …

Der Neurobiologe Henning Beck hat in seinem populärwissenschaftlichem Buch “Hirnrissig” einige Neuromythen aufgelistet und widerlegt. Bezogen auf die Geschlechter und ihre Gehirne schreibt er:

“Der Mythos vom weiblichen und männlichen Gehirn ist das Paradebeispiel für die Entwicklung eines Neuromythos. Hier kommt alles zusammen, was man für eine zukünftige Hirnlegende braucht: wissenschaftliche Untersuchungen, die Unterschiede in den Gehirnen von Männern und Frauen zeigen, ein Thema, bei dem jeder mitreden will, viel Halbwissen und Klischees – und (nicht zu vergessen) die prima Möglichkeit, diesen Mischmasch aus Wissenschaft, Vorurteilen und persönlicher Meinung auch gut verkaufen zu können.” (BECK 2014 S. 83-84)

Außerdem warnt er davor in eine “Steinzeit-Falle” zu geraten:

“Passen Sie besonders auf, wenn Geschlechterrollen evolutionär begründet und anschließend mit vermeintlichen Neuro-Argumenten vermischt werden. (…) Sie können nämlich alles mit evolutionären Scheinargumenten ‘begründen’, dabei ist es nur äußerst schwer nachzuprüfen, wie denn die Gesellschaftsstruktur vor 50.000 Jahren wirklich ausgesehen hat.” (BECK 2014: S. 89)

Es ist natürlich keinesfalls anzuzweifeln, dass unser Gehirn, wie der Rest des Körpers, ein Produkt der Evolution ist. Unser genetisches Geschlecht und unsere Hormone beeinflussen natürlich auch unser Gehirn, schließlich sind die meisten von uns nicht asexuell. Jedoch ist weder das Testosteron, noch das SRY-Gen die absoluten Könige unserer biologischen Entwicklung – selbiges gilt für die weiblichen Gegenstücke. Gerade unser Gehirn, als Fenster zur Außenwelt, ist nicht statisch, unveränderlich und funktioniert nicht nur auf eine Art und Weise. Unsere Gehirne sind anpassungsfähig und veränderbar und lassen sich nicht in ein Schema “Männlich- Weiblich” hineinzwängen. Daher möchte ich an dieser Stelle eine Reihe dieser Punkte genauer analysieren.

Der nächste Teil (Gehirn 2/3) wird sich mit den tatsächlichen und angeblichen Unterschieden in der Gehirnanatomie befassen.

Der dritte Teil der Gehirn-Saga mit den Cognitiven Fähigkeiten

Literatur

BAUER (2013): Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München: Heyne Verlag

BECK (2014): Hirnrissig. Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt. München: Hanser

BORGAONKAR & SHAH (1974): The XYY chromosome, male- or syndrome. Progress in Medical Genetics 10: 135-222

CHOROVER (1979): From genesis to genocide. Cambridge: Massachusetts Institute for Technology Press

COUVIER (1812): Recherches sur les ossemens fossiles. Vol. 1. Paris: Deterville

DARWIN (1871): The Decent of Men. London: John Murray

FUTUYUMA (2007): Evolution. Das Original mit Übersetzungshilfen. München: Spektrum

GOULD (1994): Der falsch vermessene Mensch. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft

HERBERT (2015): Testosterone: Sex, Power and the Will to Win OUP Oxford

KUTSCHERA, U. (2018): Das Gender-Paradoxon – Mann und Frau als evolvierte Menschentypen. LIT-Verlag

MEYER (2015): Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer. München: Bertelsmann

PINKER (2008):  The Sexual Paradox. Men, Women and the Real Gender Gap. New York: Scribner/Simon& Schulster

PYERITZ et al. (1977): The XYY male: the making of a myth. Biology as a social weapon, S. 86-100. Minneapolis: Burgess Publishing Co.