Eigentlich sollte dieser Teil sich mit den unterschiedlichen Formen der Sexualität bei Tieren befassen. Es würde um Hyänen, Seepferdchen und andere Fische, so wie die Evolution der Geschlechtsorgane gehen. Dieses werde ich nun auf Teil 6 verschieben, da mir ein anderes Thema mehr in den Fingern brannte, nämlich die oft provokant geschilderte These, Männer seien mit Schimpansen näher verwandt als mit Frauen. Betrachtet man sich manche Gestalten wie Donald Trump und George W. Bush, so scheint eine Verwandtschaft belegt (wobei die Schimpansen deutlich besser abschneiden). Doch was ist an diesem Mythos wirklich dran? Darum geht es in Teil 5.

Schimpansen-Mann und Menschen-Frau – worum gehts?

Um 2005 herum äußerten sich mehrere Massenpublikationen mit provokanten Aussagen. Im Journal Newsweek stand: “Neue Studien haben gezeigt, dass Frauen und Männer sich genetisch in etwa derart unterscheiden wie Menschen und Schimpansen”. Ein Reporter der New York Times argumentierte, dass man Frauen und Männer als verschiedene Spezies betrachten müsse (zitiert in KUTSCHERA 2018: S. 220 – 221). KUTSCHERA (2018) pflichtet diesem bei, wenn er schreibt, dass Männer untereinander zu 99,9% gleichen, Mann und Frau sich hingegen nur zu 98,5%. Dieser Unterschied von 1,5% zwischen Mann und Frau entspreche dem zwischen Mensch und Schimpanse (KUTSCHERA 2018: S. 224 – 225, vgl. auch Abb. 1). Er möchte damit die “Grundverschiedenheit” zwischen Männern und Frauen “belegen”, die sich bis in jede letzte Zelle auch genetisch zeige. Das Problem dieser Aussage ist jedoch, dass sie von KUTSCHERA (2018) stark verzerrt dargestellt wird. Denn sein Vergleich Mann/Frau und Mensch/Schimpanse ist ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen (oder anders ausgedrückt: zwischen den Genen zweier Individuen einer Art und der Gesamt-DNA zwischen zwei Arten).

Abb. 1: Kutscheras Vergleich zwischen Mann und Frau sowie zwischen Mensch und Schimpanse. Leider nicht viel Wahres dran. Quelle: KUTSCHERA (2018: S. 222)

Doch zuerst zurück zu den Anfängen:

Exkurs DNA

Die DNA wird gerne als das “Buch des Lebens” bezeichnet, indem alle wichtigen Informationen für den Bau eines Organismus geschrieben stehen. Dies ist zweifelsohne eine Übertreibung der Rolle dieses Moleküls, doch das soll hier kein Thema sein. Jedes Lebewesen, jede lebende Zelle hat einen DNA-Faden in sich (vgl. Abb. 2). Sie enthält die Informationen für die Abfolge von Aminosäuren, den Grundbausteinen von Proteinen. Die Grundbausteine der DNA sind sog. Nukleotide, die jede eine organische Base hat. Es gibt vier solcher Basen: Adenin (A), Thymin (T), Guanin (G) und Cytosin (C). Die DNA liegt als Doppelstrang, bzw. Doppelhelix, vor. D. h. es gehen immer zwei DNA-Moleküle eine Verbindung miteinander ein (diese Verbindungen entstehen über Wasserstoffbrücken). Dabei verbindet sich immer das Adenin des einen Strangs mit dem Thymin des anderen, sowie das Cytosin mit dem Guanin. Adenin und Thymin, sowie Guanin und Cytosin sind zueinander komplementär. Die Abfolge der Nukleotide (Basensequenz) speichert die Informationen für die Aminosäurenfrequenz, die von der messenger-RNA “abgelesen” wird. Die RNA ist, wie die DNA, eine Nukleinsäure, bei der jedoch Thymin (T) durch Uracil (U) ersetzt wird. An die messenger-RNA lagern sich die Transfer-RNAs an, die jeweils eine Aminosäure mit sich im Schlepptau haben. Drei Basen ergeben immer den Code für eine Aminosäure (die Nukleotid-Abfolge der messenger-RNA wird als genetischer Code bezeichnet).

Abb. 2: Aufbau der DNA. Quelle

Der haploide DNA-Strang eines Menschen besitzt etwa 3 Milliarden Basenpaare. In einer Studie aus dem Jahr 2012 wurde das Genom von 1092 Menschen sequenziert und verglichen. Die Menschen kamen aus aller Welt und beiden Geschlechts. Es finden sich im menschlichen Genom zwar deutliche Unterschiede zwischen den Individuen, doch gleichen wir uns zu 99,9% und unterscheiden uns zu 0,1%. (The 1000 Genomes Project Consortium 2012). Eine spätere Studie ergab einen etwas größeren genetischen Unterschied von 0,6% aller Basenpaare. Dieser größere Unterschied kommt dadurch zustande, indem “strukturelle” Variationen hinzugefügt wurden. Dazu zählen Deletionen (d. h. Verluste) einzelner DNA-Abschnitte, sowie Insertionen (einfügen einzelner DNA-Abschnitte) (The 1000 Genomes Project Consortium 2015). Insgesamt hat man über 324 Millionen individueller Variationen entdeckt. Diese hohe Zahl kommt natürlich zustande durch die Tatsache, dass nicht jeder Mensch diese Variationen in sich trägt.

Nun kommt aber der springende Punkt: Auch wenn unsere DNA 3 Milliarden Basenpaare aufweist und damit sehr groß ist (nur als Vergleich: Die Bibel, welches nun sicherlich kein dünnes Buch ist, hat etwa 4,4 Millionen Zeichen – Leerzeichen & Sonderzeichen inklusive – das entspricht 0,14% der Basenpaare der DNA), besteht nur ein Bruchteil von ihr aus Genen. Bei Menschen finden sich etwa 20.000 Gene, die als Proteine abgelesen werden können (EZKURIDA et al. 2014). Das sind etwa 1,5% der menschlichen DNA (oder 45 Mio. Basenpaare, damit immer noch 10 mal so viel Zeichen wie die Bibel). Der Rest der DNA besteht aus nicht-codierender DNA, man bezeichnet sie auch als Junk-DNA (=Müll-DNA). Doch die Bezeichnung Junk ist irreführend, da sich hier auch viele Sequenzen finden, die für die Genregulation eine Bedeutung haben. Viele der nicht-codierenden Sequenzen bestehen aber auch aus sich ständig wiederholenden Einheiten (sog. repetitive DNA) (International Human Genome Sequencing Consortium 2001). Wer sich einen Überblick über die genauere Verteilung verschaffen will, der schaut am besten hier rein.

Mensch-Schimpanse-Vergleich

KUTSCHERAS (2018) Behauptung, der genetische Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse sei 1,6% ist zwar richtig, aber nicht vollständig, bzw. veraltet. Er zitiert die Studie von WILDMAN et al. (2003). Diese jedoch verglich die DNA von Mensch und Schimpanse (mit Vergleichssequenzen von Orang-Utan, Gorilla, Altweltaffen und Mäusen) von nur 97 Genen. Das heißt es wurde nicht das gesamte Genom sequenziert, sondern nur ein Bruchstück. Dieses Bruchstück mag zwar wichtig und ggf. repräsentativ sein, doch keineswegs vollständig (während Kutschera aber alle Gene von Mann und Frau bei Menschen vergleicht). Das erwähnt aber Kutschera in seiner Arbeit nicht. WILDMAN et al. (2003) konnten feststellen, dass es eine Übereinstimmung von 99,4% bei synonymen Regionen gab. Das sind sogenannte stille Mutationen, bei der zwar eine Base ausgetauscht wird, trotzdem aber die selbe Aminosäure abgelesen wird. Der genetische Code ist nämlich redundant: Es gibt 20 Aminosäuren, die für unsere Proteine benötigt werden. Da jede Aminosäure von 3 Basen codiert wird, bestehen mit 4 unterschiedlichen Basen (A,T,C,G) aber 64 Kombinationsmöglichkeiten (4*4*4= 43 = 64). So kann es bei einer Mutation, bei dem eine Base durch eine andere ausgetauscht wird, vorkommen, dass dies keinen Einfluss auf die Abfolge der Aminosäuren hat. Bei nicht-synonymen Sequenzen, also wo es Änderungen der Aminosäurenabfolge gab, fanden WILDMAN et al. (2003) eine Übereinstimmung von 98,4%. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten stellen  WILDMAN et al. (2003) übrigens die Hypothese auf, dass Menschen und Schimpansen in die gleiche Gattung aufgenommen werden sollten (Schimpansen und Bonobos gehören zur wissenschaftlichen Gattung Pan, Menschen zur Gattung Homo). Auch das verschweigt uns interessanterweise Kutschera, will er doch beweisen, dass Mann und Frau genetisch wie zwei verschiedene Arten voneinander getrennt sind. Da passt es nicht ins Bild, dass die Autoren, die er für seine Sichtweise heranzieht, Mensch und Schimpanse zwar nicht als selbe Art ansehen, wohl aber in die selbe Gattung rücken wollen.

Betrachtet man das Gesamt-Genom der Schimpansen sind die Unterschiede schon deutlich größer. 2005 veröffentlichte das Chimpanzee Sequencing and Analysis Consortium das Genom der Schimpansen. Bei einem Vergleich von 2,4 Mrd. Basenpaaren ergab sich ein Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse von 1,23% (The Chimpanzee Sequencing and Analysis Consortium 2005). Dies berücksichtige jedoch nur die Basenaustausche, strukturelle Veränderungen, wie Deletionen und Insertionen, seien nicht berücksichtigt. Fügt man diese hinzu, kommt man auf einen Unterschied von 3-4% (VARKI & ALTHEIDE 2005). Hinzu kommen noch Prozesse wie Verdoppelungen von Genen (Duplikationen), die bei der Evolution neuer Gene eine wichtige Rolle spielen. So konnten DEMUTH et al. 2006 feststellen, dass von den jeweils 22.000 Genen bei Mensch und Schimpanse sich 1418 voneinander unterscheiden. Das macht einen Unterschied von etwa 6% aus (und damit größer als der von Kutschera behaupteten Differenz zwischen Männern und Frauen). Seit dem sich der Vorfahre von Mensch und Schimpanse vor 5-6 Mio. Jahren trennten haben wir laut DEMUTH et al. (2006) 689 neue Gene (meist durch Duplikationen) erhalten und 86 verloren.

Wesentlich wichtiger als welche und wie viele Gene man besitzt ist natürlich wie, wann und wo sie eingesetzt werden und welche Funktionen sie im Konstruktionssystem des sich entwickelnden Organismus einnehmen. Dies soll hier nicht näher erläutert werden. Aber beispielsweise hatte eine Arbeitsgruppe (OLDHAM et al. 2006) 4000 Gene bei Menschen und Schimpanse untersucht, die gleichzeitig im Gehirn angeschaltet werden. Daraus wurden Gen-Netzwerke für die Arten erstellt. Eine Reihe dieser Vernetzungen, nämlich 17,4%, fanden sich nur bei Menschen und nicht bei Schimpansen (vgl. auch COHEN 2007).

Wohlgemerkt: Der größere genetische Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse (4% Unterschiede in der Gesamt-DNA) ändert, anders als manche Kreationisten behaupten, nichts an der nahen Verwandtschaft zwischen Mensch und Schimpanse!

DNA-Unterschied zwischen Mann und Frau

Wie kommt aber KUTSCHERA auf die errechneten 1,5% Unterschiede zwischen Mann und Frau? So zitiert er eine Studie von CARREL & WILLARD (2005), die belegen, dass die Gene des zweiten X-Chromosoms bei Frauen nicht vollständig stillgelegt werden (über die X-Inaktivierung berichteten wir in Teil drei). 15% – 25% der X-Gene entziehen sich dieser Inaktivierung, das entspricht etwa 200-300 Genen. Das hat zur Folge, dass bei Frauen einzelne Gene doppelt abgelesen (exprimiert, Genexpression) werden. Da bei Männern das zweite X-Chromosom fehlt, werden diese nur einmal exprimiert. Jedoch stellen CARREL & WILLARD (2005) das von KUTSCHERA (2018) postulierte Mann-Frau = Mensch-Schimpanse nicht auf, es findet keine Erwähnung. Aber gehen wir nun auf KUTSCHERAS Rechnung ein: bei (je nach Literaturangabe) 19-22.000 Genen im menschlichen Körper unterscheiden sich zwischen Mann und Frau 200-300 Gene auf dem X-Chromosom. Sie unterscheiden sich jedoch nicht wirklich, denn auch Männer haben diese Gene auf dem X-Chromosom, der Unterschied ist, dass sie bei Frauen doppelt vorkommen (als Vergleich: wenn ich einen Apfel habe und die Frau zwei Äpfel, hat sie nun zwar mehr Äpfel als ich, aber keine Birnen!). Natürlich gibt es von einzelnen Genen unterschiedliche Versionen (so genannte Allele), die bei jedem Individuum anders sein können. Diese 300 Gene sind aber keine qualitativ völlig neuen Gene, die bei Männern nicht vorkommen. Es ändert sich nur die Genexpression (d. h. die Menge, die abgelesen wird), da Frauen mehr von diesem gleichen Gen haben. Aber wie dem auch sei, lassen wir um der Argumentation willen diese 200- 300 Gene als was völlig neu und beim Mann nicht vorhanden anerkennen. Addieren wir nun noch die Gene auf dem Y-Chromosom dazu (laut KUTSCHERA 2018 50), kommen wir auf einen Gen-Unterschied von 350 Genen zwischen Mann und Frau. Das wären bei 20.000, je nachdem 1,25% (250 Gene) – 1,75% (350 Gene) zwischen den Geschlechtern anders. Oben haben wir anhand der Studie von DEMUTH et al. 2006 erfahren, dass sich Mensch und Schimpanse in 1418 Genen unterscheiden (dabei will ich keine Vollständigkeit postulieren), das wäre bei 20.000 Genen ein Unterschied von 7% (DEMUTH et al. 2006 gehen von 22.000 Genen aus, wodurch sie einen Unterschied von 6,5% ermitteln). Dabei haben wir 689 Gene, die die Schimpansen definitiv nicht haben. Somit ist schon mal der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse definitiv größer als zwischen Mann und Frau, selbst unter dem Postulat, dass die 300 nicht inaktivierten Gene des zweiten X-Chromosoms der Frau völlig andere Gene sind als bei dem der Männer.

Bezogen auf die Gesamt-DNA reduziert sich der Unterschied zwischen Mann und Frau noch mehr. Oben haben wir festgestellt, dass ein Vergleich der vorhandenen DNA-Stränge bei Mensch und Schimpanse bei 1,23% liegt, fügt man die Deletionen (fehlende DNA-Stücke), Insertionen (hinzugefügte DNA-Stücke) und Genduplikationen hinzu haben wir einen Unterschied von 3-4%.

Außerdem haben wir festgestellt, dass unter Berücksichtigung der Deletionen und Insertionen, der Unterschied zwischen zwei weit entfernten Menschen 0,6% beträgt. Wenn wir, um der Argumentation willen die 1,5% Gen-Unterschiede zwischen Mann und Frau hinzufügen wollen, kommen wir auf folgendes Ergebnis:

  1. Zahl der Basenpaare der menschlichen DNA: 3 Mrd. (3.000.000.000)
  2. Zahl der Gene: 20.000 = 1,5% der DNA = 1,5 % von 3 Mrd. Basenpaare = 45 Mio. (45.000.000) Basenpaare, die für Gene codieren
  3. Um der Einfachheit halben gehen wir davon aus, dass jedes Gen durchschnittlich gleich groß ist (das dürfte zwar unwahrscheinlich sein, aber viel würde sich prozentual eh nicht ändern, wenn das anders der Fall wäre): 45 Mio. Basenpaare / 20.000 Gene = 2250 Basenpaare pro Gen.
  4. 350 Gene unterscheiden sich von Mann und Frau = 350 Gene * 2250 Basenpaare = 787.500 Basenpaare.
  5. 787.500 Bassenpaare von 45.000.000 Basenpaare (Gene) = 1,75%
  6. 787.500 Basenpaare von 3.000.000.000 Basenpaare (gesamte DNA)= 0,026%
  7. 0,026% + vorhandene Unterschiede von 0,6% = 0,626%

Nun entdeckte aber eine weitere Studie, dass zwischen Mann und Frau 6500 Gene unterschiedlich exprimiert werden. Beispielsweise ist die Genexpression bei den Genen, die für die Muskelbildung sorgen bei Männern größer als bei Frauen. Andere Gene im Gehirn, die u. a. auch vor der Parkinson-Krankheit schützen werden bei Frauen mehr exprimiert als bei Männern, wodurch letztere ein erhöhtes Risiko haben an dieser Krankheit zu erkranken.

Es ist jedoch naiv zu behaupten, all diese Gene hätten den selben Einfluss auf die Geschlechtsentwicklung. Hinzu kommt, dass wie die Studie von OLDHAM et al. (2006) herausgefunden hat, dass ein Großteil dieser Gene auch im Gehirn aktiv ist – und wir wissen dass mindestens ein Drittel aller Gene vor allem im Gehirn aktiv sind. Da aber unser Gehirn kein “abgeschlossenes” System ist, sondern mit unserer Umwelt interagiert und viele Gene eben halt epigenetisch kontrolliert werden, relativiert sich auch dieser Unterschied der differenzierten Genexpression der Geschlecht (weswegen man nicht darauf schließen sollte, dass sie keine Rolle spielen). Ich verweise hier auf das Buch von Jörg BLECH (2010): “Gene sind kein Schicksal”.

Übrigens sind auch nicht alle Gene des Y-Chromosoms “Mann-spezifisch”.

Auf dem Y-Chromosom finden sich nur noch 45 Gene, alle anderen gingen verloren Davon finden sich aber 24 Gene auch im X-Chromosom. Jedoch sind nicht alle von diesen 45 Genen noch aktiv, viele sind stillgelegt und codieren für keine Proteine. Insgesamt hat das Y-Chromosom nur 27 Gene, die Proteine codieren, 17 davon finden sich auch auf dem X-Chromosom, wovon 14 auch auf dem X-Chromosom dieselbe Funktion erfüllen! Folgerichtig sind nur 13 Gene auf dem Y-Chromosom wirklich spezifisch nur für Männer. Quelle

Aber selbst dieser Unterschied in der Genexpression erhöht nicht den Unterschied zwischen Mann und Frau im beträchtlichen Maße, zumal wir davon ausgehen müssen, dass die Genexpression bei Schimpansen und Menschen ebenfalls größer ist, als zwischen Mann und Frau (was u. a. die Studie an der Aktivität der Gene im Gehirn durch OLDHAM et al. (2006)  belegt). Die Seite iflscience.com zittert die Genetikerin Jenny Graves, eine angesehene Professorin für Genetik an der La Trobe Universität in Melbourne, Australien:

Aber der oft zitierte Unterschied [zwischen Mensch und Schimpanse – Internet-Evoluzzer] bezieht sich auf das gesamte Genome, von dem nur eine Minderheit aus Genen besteht, die für Proteine codieren. Sie sagt uns nichts darüber aus, welche genetischen Unterschiede wichtig sind. Viele offensichtliche Unterschiede zwischen Menschen und Schimpansen, wie Körperbehaarung und vielleicht die Sprache, resultieren wahrscheinlich aus kleinen Änderungen in einem oder wenigen Genen. Änderungen in der Zeit, oder kleine regulatorische Unterschiede können massiven Einfluss auf Wachstum und Entwicklung haben. Es ist naiv zu behaupten, dass es keine tiefgreifenden genetischen und epigenetischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Aber wir werden uns nicht darauf festlegen wie weitreichend die biologischen Unterschiede sind, indem wir nur die gen-Unterschiede aufzählen. Wie diese Gene reguliert werden und ihre Downstream-Effekte [= welche Einflüsse diese regulatorischen Änderungen auf davon abhängige Gene haben – Internet-Evoluzzer] sind, ist das was den Unterschied zwischen Mann und Schimpanse oder Mann und Frau ausmachen. Quelle

Es ist fraglich, weshalb Kutschera, als Professor für Biologie, in seinem Buch, welches nach Selbstaussage durch fundierte wissenschaftliche Quellen belegt ist, diese Fakten nicht berücksichtigt.

Kutschera hat sich zu seinem Interview mit der faschistischen AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die für geistreiche pseudowissenschaftliche Aussagen bekannt ist, z. B. dass die Sonne weniger scheinen solle, damit der Klimawandel aufhöre,bereit erklärt. Im Interview erklärt Kutschera ab Minute 8 auf seine “Muss man Wissen“-Weise, dass eine völlige Gleichheit der Geschlechter nur bei den zwittrigen Regenwürmern möglich ist, da beide bei der Paarung als Männchen und Weibchen fungieren, nicht bei Menschen. Aufgrund solcher Beiträge gesellschaftliche Forderungen aufzustellen wirkt schon fast absurd und wäre reif für eine Parodie durch Oliver Kalkofe. Sich mit einer Person wie der Storch ablichten zu lassen ist hingegen mindestens peinlich.

Im Juli 2017 argumentierte Kutschera bei kath.net gegen die „Ehe für alle“ und befürchtete in einem Interview u. a., dass wegen des Adoptionsrechts für Schwule und Lesben „staatlich geförderte Pädophilie und Kindesmissbrauch“ auf Deutschland zukämen. Die Interviews finden sich hier und hier.

Fassen wir zusammen: Der “engagierte” Evolutionsbiologe und Super-Professor Kutschera, dieser Vorkämpfer gegen den Kreationismus und deutsche Richard Dawkins, paktiert mit der katholischen Kirche aus Angst davor, dass ein Paar aus zwei Personen, die danach fragen, wer ihnen das Sandwich machen soll, Kinder erziehen soll. Seine Kompetenzen als Biologe möchte ich nicht anzweifeln, seine Politisierung der Biologie für dubiose Zwecke zu missbrauchen ist jedoch zu verurteilen.

Kutschera kann es hierbei nicht um biologische Wahrheiten gehen, sondern um politische Propaganda, wenn er mit reaktionären Vereinen wie der AfD und der Katholischen Kirche paktiert. Dafür missbraucht er sein “biologisches Wissen”, obwohl er sich in seinem Buch “politisch neutral” geben will (seine antikommunistischen Verschwörungstheorien natürlich abgesehen). Folgerichtig ist sein Buch zu bewerten, viel Wissenschaftlichkeit findet sich da nicht, was sein Schimpansen-Mann-Vergleich zeigt.

Literatur

BLECH, J. (2010): Gene sind kein Schicksal. Fischer Verlag

CARREL, L. & WILLARD, H. F. (2005): X-inactiviation profile reveals extensive variability in X-linked gene expression in females. Nature 434, 400-404. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15772666

COHEN J (2007) Relative differences: the myth of 1 %. Science 316, 1836. http://academic.brooklyn.cuny.edu/biology/franz/biology38/_files/1836.pdf

DEMUTH JP, BIE TD, STAJICHt JE, CHRISTIANINI, N & HAHN MW (2006) Evolution of mammalian gene families. PLoS ONE 1(1) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17183716

EZKURIDA et al. 2014: Multiple evidence strands suggest that there may be as few as 19 000 human protein-coding genes Hum Mol Genet. 2014 Nov 15; 23(22): 5866–5878. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4204768/

Iflscience.com: Differences Between Men And Women Are More Than The Sum Of Their Genes https://www.iflscience.com/health-and-medicine/differences-between-men-and-women-are-more-sum-their-gene/

International Human Genome Sequencing Consortium (Feb 2001). “Initial sequencing and analysis of the human genome“. Nature. 409 (6822): 860–921.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11237011

KUTSCHERA, U. (2018): Das Gender-Paradoxon – Mann und Frau als evolvierte Menschentypen. LIT-Verlag

OLDHAM MC, HORWAT S & GESCHWIND DH (2006): Conservation and evolution of gene coexpression networks inhuman and chimpanzee brains. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 103, 17973-17978. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17101986

The 1000 Genomes Project Consortium (2012): An integrated map of genetic variation from 1,092 human genomes Nature. 2012 Nov 1; 491(7422): 56–65.  https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3498066/#SD1

The 1000 Genomes Project Consortium (2015): A global reference for human genetic variation Nature. 2015 Oct 1; 526(7571): 68–74. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4750478/

The Chimpanzee Sequencing and Analysis Consortium (2005): Initial sequence of the chimpanzee genome and comparison with the human genome. Nature 437, 69-87. https://www.nature.com/articles/nature04072

VARKI, A. & ALTHEIDE, T. K. (2005): Comparing the human and chimpanzee genomes: Searching for needles in a haystack Genome Res. 2005. 15: 1746-1758 https://genome.cshlp.org/content/15/12/1746.full

WILDMAN, D. E., UDDIN, M., LIN, G., GROSSMANN, L. I., GOODMAN, M. (2003): Implications of Natural Selection on shaping 99,4% nonsynonymus DNA identity between humans and chimpanzees: Enlarging the genus Homo Proc. Natl. Acad. Sci. USA 100, 7181-188 https://www.pnas.org/content/100/12/7181