Zu meinem Buch “Eva kam aus Afrika” sind einige Rezensionen erschienen, die meisten durchweg positiv. Auf einer eher fragwürdigen Internetseite erschien eine negative “Rezension” … naja es ist eigentlich keine Rezension meines Buches, sondern eine Rezension einer Rezension…

In der „Arbeiterstimme“ Nr. 213 wurde auf Seite 25 eine Rezension zu meinem Buch „Eva kam aus Afrika“ veröffentlicht. Ich möchte den Genossen der Zeitschrift für diese Rezension danken.

Offenbar blieb diese Rezension nicht unbemerkt, denn ein Artikel im „Faktum-Magazin“ von Michael Mansion reagierte auf diese Rezension. Es hat den Titel „Die Arbeiterstimme zum Buch ‚Eva kam aus Afrika … und Adam auch. Der Mythos vom wissenschaftlichen Rassismus‘ Eine Gegenrede als Brief“ (online unter http://www.faktum-magazin.de/2021/10/die-arbeiterstimme-zu-eva-kam-aus-afrika-und-adam-auch/).

Ich kannte das Faktum-Magazin bisher nicht, aber ein kurzes Durchforsten der Seite (http://www.faktum-magazin.de) erweckt bei mir zumindest den Eindruck, dass das Magazin, diplomatisch ausgedrückt, mit der Arbeiterbewegung nicht sympathisiert. Eine Einschätzung dieses Magazins überlasse ich den Lesern selbst, in diesem Artikel möchte ich nur auf einige Aussagen von Michael Mansions als „Gegenrede“ bezeichnete Rezension der Rezension eingehen. Denn Mansion erwähnt gleich zu Anfang, dass er „das Buch nicht gelesen habe“- was natürlich die beste Voraussetzung ist, den Inhalt eines Buches zu kritisieren.

Mansion schreibt: „zunächst [taucht] die durchaus interessante Frage auf, warum mit solcher Vehemenz darauf beharrt wird, dass es angeblich keine menschlichen Rassen geben soll.“

Diese Vehemenz der Wederlegung menschlicher Rassen, sehe ich weder in der Rezension der Arbeiterstimme, noch bei mir. Worin aber tatsächlich die Vehemenz meinerseits liegt ist die akribische Aufzählung von Fakten, basierend auf naturwissenschaftlichen Publikationen. Warum gibt es also keine menschlichen Rassen? Schon vom Begriff der Rasse gibt es keine eindeutige Beschreibung bzw. Definition. Aber die Problematik fängt  schon in der Unkenntnis vieler Verfechter des Rassenkonzeptes bei der Taxonomie, also Klassifizierung der Vielfalt des Lebens, an. Die unterste Stufe/Kategorie der Taxonomie ist die Art (Spezies). Ähnliche Arten werden in Gattungen, ähnliche Gattungen in Familien usw. geführt. Für die Taxonomie gelten strenge hierarchische Regeln, die Art gilt dabei als die unterste Kategorie und als die einzig natürliche. Der Begriff der Rasse taucht in den internationalen Regeln der zoologischen Nomenklatur nicht auf (Kraus 2000). Aber es erweist sich auch als schwierig den Begriff der Art zu definieren (zur Diskussion siehe die Artikel zur Speziesproblematik auf meiner Homepage: Kubi 2019a,b,c). Generell gibt es mehrere Artdefinitionen und Artkonzepte – das ist schon allein der Schwierigkeit begründet, dass durch die biologische Evolution so verschiedene Organismengruppen entstehen, sich weiterentwickeln oder aussterben, dass mit einer kurzen Definition nicht alle Lebensformen ausreichend beschrieben werden. Je nachdem welche Lebensformen im Vordergrund stehen (Bakterien, Tiere, Pilze, Pflanzen etc.) eignen sich manche Artkonzepte besser als andere. Das bekannteste ist das biologische Artkonzept, demnach alle Individuen zu einer Art gehören, wenn sie fruchtbare Nachkommen miteinander zeugen können. Ein anderes Artkonzept, welches ich in meinem Buch näher vorstelle, ist das phylogenetische Artkonzept. Hier werden Arten nicht (nur) durch ihre fruchtbaren Nachkommen definiert, sondern über morphologische, genetische, physiologische Merkmale, die alle Vertreter einer Art haben müssen, mit denen man sie von anderen unterscheiden kann. Diese Merkmale müssen zudem diagnostisch sein: man soll die Arten nicht nur an diesen Merkmalen erkennen, sie dürfen auch bei anderen Arten nicht vorkommen – sog. Apomorphien. Evolutionäre Aspekte spielen hier natürlich auch eine Rolle: Arten entstehen aus Vorläuferarten und es entwickeln sich neue. Im Stammbaum des Lebens ist also jede Art auch eine evolutionäre Einheit, die nicht statisch und nicht unveränderbar ist. Aber unabhängig davon welches Artkonzept man verwendet, alle Menschen gehören zu einer Art: Homo sapiens.

Nun gibt es aber auch innerhalb vieler Arten eine erhebliche morphologische oder genetische Diversität, sodass Untergruppen durchaus zu erkennen sind. Jedoch ist hier der Begriff der Rasse viel zu unscharf und willkürlich definiert und ist damit von Begriffen wie Population, Ökotyp, Varietät oder Morphe schwer abzugrenzen. In der Zoologie (und Taxonomie allgemein) wird der Begriff der Rasse daher nicht verwendet. Dies ist weniger der Fall aufgrund von politischer Korrektheit von „linksgrünen oder islamischen Terroristen“, von denen sich der Rezensent der Rezension so fürchtet, sondern der wissenschaftlichen Untauglichkeit der Verwendung schwammiger Begriffe geschuldet.

Wenn es eine Diversität innerhalb einer Art gibt, die eine Trennung in verschiedene Gruppen rechtfertigt (die aber nicht groß genug ist, um von verschiedenen Arten zu sprechen), so taucht dann der Begriff der Unterart (Subspezies) auf. Hierbei handelt es sich aber z. B. nach Ernst Mayr nicht um natürliche Einheiten, sondern um künstliche Klassifizierungen, also von einer Art (im Sinne des biologischen Artkonzeptes) unterschieden werden muss (Mayr 1975). Da es aber hiernach um ein künstliches System der Klassifizierung handelt, gibt es keine objektiven Kriterien die Anzahl von Unterarten innerhalb einer Art zu unterscheiden, sie hängen von der Willkür der Autoren ab. So wurden z. B. vom Leoparden (Panthera pardus) historisch über 30 Unterarten unterschieden, heute sind nur neun anerkannt – die schwarze Farbvariation, auch bekannt als Schwarzer Panther, galt übrigens niemals als Unterart. Mit dem Aufkommen genetischer Analysen und der phylogenetischen Systematik (sowie dem phylogenetischen und ähnlichen Artkonzepten) werden viele Unterarten, sofern es sich um allopatrische, also geographisch und genetisch isolierte, evolutionäre Linien handelt als eigenständige Arten definiert (vgl. z. B. das „unified species concept“ von Queiroz (2005). Erfüllen Unterarten dieses Kriterium nicht, sind sie eine willkürliche Kategorisierung, ohne evolutionäre Bedeutung. Dennoch werden in einigen Fällen Unterarten anerkennt, so bei Populationen einer Art, deren Unterarten ein teilweise überlappendes Verbreitungsgebiet haben (sie also parapatrisch sind). Hier findet ein partieller Genfluss, also eine Vermischung, statt, gleichzeitig aber entwickeln sich die Populationen (also die Unterarten) großteils eigenständig.  Aber die Isolation ist noch nicht lange genug bzw. unvollständig, als dass sich Unterarten schon zu einer eigenständigen Art entwickelt haben. Unterarten sind also als Momentaufnahme eines Artbildungsprozess zu verstehen.

Die Frage bleibt entsprechend hier, ob sich solch eine parapatrische Definition einer Unterart auf den Menschen anwenden ließe. Hier kann die Genetik bzw. der genetische Vergleich bei der Unterteilung in Unterarten bei anderen Arten helfen. Ich persönlich finde es ein wenig bedauerlich, dass in der sonst guten Rezension der „Arbeiterstimme“, die Frage der Genetik ein wenig zu kurz kommt – es ist aber zugegebenermaßen der anspruchsvollste Teil des Buches.

Nehmen wir als Vergleich unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen (Pan troglodytes – der übrigens einer anderen Art angehört als der weniger bekannte Bonobo Pan paniscus). Von Pan troglodytes werden aktuell vier Unterarten anerkannt (wobei drei von diesen Unterarten im Kongobecken ein parapatrisches Verbreitungsgebiet haben und der Westafrikanische Schimpanse Pan troglodytes verus eine allopatrische, also geographisch isolierte, Verbreitung hat und von manchen Autoren als eigenstände Art Pan verus angesehen wird). Die genetischen Unterschiede zwischen diesen Unterarten sind größer als zwischen allen menschlichen Populationen. Doch damit nicht genug: Auch innerhalb einer Unterart ist die genetische Diversität größer.

Eine Studie von  Gagneux et al. (1999) untersuchte die mtDNA (mitochondriale DNA ist das Genom der Mitochondrien, einem Zellorganell, in dem die Zellatmung stattfindet) verschiedener Primatenarten (inklusive Mensch). Dabei zeigte sich, dass allein  die mtDNAs von 19 untersuchten Schimpansen aus dem Taï-Nationalpark (Elfenbeinküste) eine höhere Diversität als die aller Menschen zeigen. Oder anders gesagt: 19 Individuen einer lokal begrenzten Population einer Unterart einer Art zeigen eine größere genetische Vielfalt als unsere eigene, weltweit verbreitete Art. Will man, um der Argumentation Willen, Menschen in Unterarten (Rassen) teilen, so müsse es vom Schimpansen noch wesentlich mehr Unterarten geben – allein in derselben Lokalpopulation.

Manche Menschen denken, dass die Variationen bei Menschen, von denen manche Merkmale offensichtlich sind, vergleichbar sind mit dem Status einer Unterart bzw. Rasse. Das würde aber das Vorhandensein diagnostischer Merkmale bzw. Merkmalskombinationen erfordern, die für bestimmte Gruppen – und zwar nur für diese – kennzeichnend sind. Die Unterschiede zwischen den Menschen bzw. Menschengruppen sind weder einzigartig genug um diagnostisch zu sein, noch diskontinuierlich genug um aus Menschengruppen taxonomische Einheiten zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass wir als Art erdgeschichtlich sehr jung sind. Und außerhalb Afrikas existieren wir seit ca. 60.000 Jahren – viel zu wenig Zeit, als dass sich taxonomische Unterschiede akkumulieren könnten.

Der Begriff Rasse wird nur noch in zwei Zusammenhängen genutzt: bei der Einteilung von Haustieren und beim Menschen. In Bezug zu den Haustieren schreiben Fischer et al. (2019):

Haustierrassen sind ausschließlich das Ergebnis menschlicher Züchtung und nicht das Ergebnis eines natürlichen, biologischen Prozesses. Nur im Fall von Haustieren ist tatsächlich die genetische Ähnlichkeit (Homogenität) innerhalb einer Rasse größer als zwischen Rassen. Das Englische verzichtet hier auf den Begriff ›race‹ und spricht von ›breeds‹, was dem Sachverhalt viel näherkommt, der Begriff Züchtung wäre auch im Deutschen eher angebracht.“

Wenn also der Begriff der Rasse in der Zoologie keine Verwendung findet – und wie wir sehen nicht durch seine negative politische Konnotation, sondern durch seine Untauglichkeit als wissenschaftlich messbares Instrument für die Taxonomie – bleibt es fraglich, warum er bei Menschen, vor allem im biologischen Zusammenhang, Verwendung finden sollte.

Michael Mansion wundert sich jedoch. Zum einen schreibt er, was an der Anerkennung von Unterschieden (z. B. die Körperbehaarung von Männern bei Europäern und Asiaten) so schrecklich sein soll und zum anderen hält er es für einen Fehlurteil, dass Rassismus globale Ungleichheiten zementiere.

In Bezug zur Anerkennung von Unterschieden: Diese sind nicht zu leugnen und diese stelle ich in meinem Buch zu Genüge dar. Angefangen von ökologischen und physiologischen Anpassungen bis hin zu der Reise unserer Vorfahren ausgehend aus dem afrikanischen Kontinent. Solche Erkenntnisse setzen genetische Unterschiede vorraus. Doch diese rechtfertigen aus den oben genannten (und in meinem Buch viel intensiver ausgeführten) Gründen keine Einteilung des Menschen in allopatrische oder parapatrische Unterarten/Rassen. Dies begründet sich alleine schon in der Tatsache, dass die genetische Diversität auf dem afrikanischen Kontinent größer ist als zwischen Afrikanern und den Populationen auf anderen Kontinenten. Ein Großteil der (im Vergleich zu anderen Arten recht geringen) genetischen Variation des Menschen ist übrigens weniger eine Folge der Anpassung an Umweltbedingungen, sondern der sog. genetischen Drift: der zufälligen Verteilung genetischer Variation, die weder Vor- noch Nachteile bringen und sich daher ungehindert akkumulieren können. Ich zeige dies an einigen Beispielen wie der Verteilung der Augen- und Haarfarben. Die Hautfarbe hingegen scheint zu einem Großteil Folge der Anpassung ans Sonnenlicht zu sein – doch auch hier ist die Genetik recht komplex, über 40 Gene sind bekannt, die an der Ausbildung der Hautfarbe beteiligt sind und es dürften noch einige mehr sein. Das Interessante ist aber Folgendes: Ein Gen, welches daran beteiligt ist, dass die Hautfarbe bei Europäern heller wurde, das SLC24A5, findet sich auch in Ostafrika. Diese Variante entstand vor 30.000 Jahren und wurde wahrscheinlich von Menschen aus dem Nahen Osten nach Ostafrika gebracht. Obwohl viele Ostafrikaner dieses Gen haben, haben sie keine weiße Haut, wahrscheinlich weil es nur eines von mehreren Genen ist, die ihre Hautfarbe formen.  Die dramatischste Entdeckung betraf ein Gen namens MFSD12. Zwei Mutationen, die die Expression dieses Gens verringern, wurden bei Menschen mit der dunkelsten Haut in hoher Frequenz gefunden. Diese Varianten entstanden vor etwa 500.000 Jahren, was darauf hindeutet, dass menschliche Vorfahren vor dieser Zeit möglicherweise eine mäßig dunkle Haut hatten und nicht den tiefschwarzen Farbton, der heute durch diese Mutationen erzeugt wird. Dieselben zwei Varianten kommen bei Melanesiern, australischen Aborigines und einigen Indern vor. Diese Menschen haben möglicherweise die Varianten von ursprünglichen Einwanderern aus Afrika geerbt, die einer „südlichen Route“ aus Ostafrika entlang der Südküste Indiens nach Melanesien und Australien folgten. Alternativ könnte diese große Migration Menschen eingeschlossen haben, die Varianten sowohl für helle als auch für dunkle Haut tragen, aber die dunklen Varianten gingen später bei Eurasiern verloren. Alleine schon diese zwei Beispiele zeigen, wie schwierig eine Einteilung des Menschen in verschiedene Rassen macht. Gibt es in Afrika mehrere Rassen oder sind vielleicht Inder, Afrikaner und Melanesier, die dieselbe „dunkle“ Variante dieses MFSD12-Gens haben, eine eigenständige Rasse?

Interessant finde ich dabei die Fokussierung auf geographische Populationen. Ja asiatische Männer sind weniger behaart als europäische – im Durchschnitt. Wie signifikant ist jedoch der Unterschied dieser Variation zwischen den Populationen im Vergleich zum Unterschied innerhalb einer Population? Wenn ich mir meine Körperbehaarung anschaue, dürfte ich wohl mehr Asiate als Europäer sein (was als gebürtiger Russlanddeutscher aus Kasachstan ohnehin ziemlich skurril wirken würde). Aber wenn die Unterschiede innerhalb von Europäern größer sein dürften, gibt es dann mehrere weiße Rassen, die wir an der natürlichen Körperbehaarung der Männer ablesen können? Natürlich sind diese Unterschiede erstmal unbedeutend (je nachdem ob man als Frau oder homosexueller Mann auf behaarte oder unbehaarte Kerle steht, sind sie vielleicht nicht ganz unbedeutend), doch dann bleibt die Frage offen, warum diese Fokussierung? Historisch ist die Einteilung der Menschen in Rassen nicht einfach dem „Wunsch“ des Auffindens von Unterschieden verbunden. Ich rechne es Herrn Mansion an, dass er in der Unterscheidung von Menschen keinen Grund für ihre Über- oder Unterlegenheit sieht. Doch relativiert es sich hier durch seine ständige Erwähnung vor den Gefahren des Islam (als jemand, der christlichen Fundamentalismus kennt und dadurch politisiert wurde, als George W. Bush im Namen Gottes und Jesu einen Krieg gegen den Terrorismus führen wollte, erspare ich mir hierzu jegliche Kommentare).

Die Einteilung in Menschenrassen war natürlich nicht nur verbunden mit einer „objektiven“ Messung und Darstellung von Unterschieden. Die Rasseneinteilung war und ist immer verbunden mit politischen Vorurteilen – und natürlich unermesslichem Leid und Verbrechen. Sie ist eine reaktionäre Ideologie, die vorgibt wissenschaftlich zu sein (oder wissenschaftliche Erkenntnisse zu missbrauchen), um soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Denn die Unterteilung in Rassen geht immer einher mit einer Ungleichbehandlung bestimmter Menschengruppen, bei der die “weiße Rasse” über den anderen stehe. Mein Buch fokussiert sich jedoch nicht auf die Kolonialgeschichte, den Rassismus etc., sondern befasst sich ausschließlich mit Naturwissenschaften. Wenn sich Michael Mansion darüber wundert, was „wissenschaftlicher Rassismus“ ist, so kann er sich u. a. über Philipp Rushton, Richard Lynn, Charles Murray, Niclolas Wade, Anderas Vonderarch, die Altright-Bewegung, die „Fach“zeitschrift „Mankind Quarterly“ oder den „Pioneer Fund“ informieren, um nur einige Pseudowissenschaftler zu nennen. Nicht zu vergessen Populisten mit einem geringen Wissen über Genetik wie Thilo Sarrazin (den Mansion aufgrund seiner Ablehung des Islams sicherlich für “seriös” halten dürfte) oder die historischen Vorreiter wie Paul Broca, Carl Vogt, Robert Bennett Bean, Ernst Haeckel, Gustav Le Bon, Samuel Geroge Morton oder Louis Agassiz. Natürlich ist „wissenschaftlicher Rassismus“ ein Antagonismus – es gibt aber – oho – auch einen „wissenschaftlichen“ Kreationismus.

Da ich mich in meinem Buch im Wesentlichen und akribisch mit naturwissenschaftlichen Argumenten auseinandersetze (nebenbei lehne ich postmoderne, „woke“ Theorien genauso vehement ab wie kreationistische oder rassistisch begründbare), zitiere ich mal die Stellungnamen einiger wissenschaftlichen Institutionen, die sich akademisch mit der Biologie (und somit auch Evolution und Diversität des Menschen) auseinandersetzen:

Die American Association of Physical Anthropology (AAPA) gibt folgendes Statement ab:

Stattdessen muss das westliche Konzept der Rasse als ein Klassifizierungssystem verstanden werden, das aus dem europäischen Kolonialismus, der Unterdrückung und der Diskriminierung hervorgegangen ist und diesen unterstützt. Es hat also seine Wurzeln nicht in der biologischen Realität, sondern in der Politik der Diskriminierung. Aus diesem Grund ist Rasse in den letzten fünf Jahrhunderten zu einer sozialen Realität geworden, die Gesellschaften strukturiert und wie wir die Welt erleben. In dieser Hinsicht sind Rassen real, ebenso wie Rassismus, und beide haben echte biologische Konsequenzen.“

Die American Anthropological Association (AAA) äußert sich ähnlich:

Historische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Idee der ‚Rasse‘ mehr bedeutete als die bloßen physischen Unterschiede. In der Tat haben physische Variationen in der menschlichen Spezies keine Bedeutung außer den sozialen, die Menschen ihnen auferlegen. Heute argumentieren Wissenschaftler in vielen Bereichen, dass ‚Rasse‘, wie es in den Vereinigten Staaten von Amerika verstanden wird, ein sozialer Mechanismus war, der im 18. Jahrhundert erfunden wurde, um sich auf jene Bevölkerungsgruppen zu beziehen, die im kolonialen Amerika zusammengebracht wurden: die englischen und anderen europäischen Siedler, die eroberten Indianer-Völker und jene Völker Afrikas, die zur Bereitstellung von Sklavenarbeit herangezogen wurden. Dieses moderne Konzept der ‚Rasse‘ wurde von Anfang an nach einem alten Theorem der großen Seinskette modelliert, das natürliche Kategorien auf einer von Gott oder der Natur festgelegten Hierarchie aufstellte. ‚Rasse‘ war also eine Art der Klassifizierung, die speziell mit den Völkern in der kolonialen Situation verbunden war. Es fasste eine wachsende Ideologie der Ungleichheit zusammen, die entwickelt wurde, um die europäischen Einstellungen und die Behandlung der eroberten und versklavten Völker zu rationalisieren. Insbesondere Befürworter der Sklaverei im 19. Jahrhundert verwendeten den Begriff ‚Rasse‘, um die Beibehaltung der Sklaverei zu rechtfertigen. Die Ideologie vergrößerte die Unterschiede zwischen Europäern, Afrikanern und Indianern, etablierte eine starre Hierarchie sozialer Ausschluss-Kategorien, unterstrich und verstärkte ungleiche Rang- und Statusunterschiede und lieferte die Rationalisierung, dass die Ungleichheit natürlich oder von Gott gegeben war. Die unterschiedlichen körperlichen Merkmale von Afroamerikanern und Indianern wurden zu Markern oder Symbolen für ihre Statusunterschiede.

Die „Jenaer Erklärung“ (Fischer et al. 2019):

Die Idee der Existenz von Menschenrassen war von Anfang an mit einer Bewertung dieser vermeintlichen Rassen verknüpft, ja die Vorstellung der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschengruppen ging der vermeintlich wissenschaftlichen Beschäftigung voraus. Die vorrangig biologische Begründung von Menschengruppen als Rassen – etwa aufgrund der Hautfarbe, Augen- oder Schädelform – hat zur Verfolgung, Versklavung und Ermordung von Abermillionen von Menschen geführt. Auch heute noch wird der Begriff Rasse im Zusammenhang mit menschlichen Gruppen vielfach verwendet. Es gibt hierfür aber keine biologische Begründung und tatsächlich hat es diese auch nie gegeben. Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung. (…) Die Einteilung der Menschen in Rassen war und ist zuerst eine gesellschaftliche und politische Typenbildung, gefolgt und unterstützt durch eine anthropologische Konstruktion auf der Grundlage willkürlich gewählter Eigenschaften wie Haar- und Hautfarbe. Diese Konstruktion diente und dient eben dazu, offenen und latenten Rassismus mit angeblichen natürlichen Gegebenheiten zu begründen und damit eine moralische Rechtfertigung zu schaffen. Erst durch die wissenschaftliche Erforschung der genetischen Vielfalt der Menschen wurden die Rassenkonzepte endgültig als typologische Konstrukte entlarvt.“

Nun gibt aber Michael Mansion einige Gründe, wo eine Unterscheidung in Menschenrassen „sinnvoll“ sein kann:
Zumindest die Humanmedizin kann auf eine solche Begrifflichkeit nur schwer verzichten, weiß man dort doch schon seit einiger Zeit, dass es auch innerhalb bestimmter Ethnien nicht ganz unerhebliche genetische Unterscheidungen geben kann. So gibt es z. B. in Afrika das Phänomen, dass sich innerhalb einer größeren Gruppe eine Resistenz gegen Malaria entwickelt hat.“

Nun widme ich mich in einem Kapitel meines Buches auch diesen medizinischen Fragen. Dass Risikofaktoren geographisch ungleich verteilt sind, ist medizinisch durchaus relevant, rechtfertigt aber keine Einteilung von Menschen und Rassen bzw. allo- oder parapatrische Unterarten. Hier hilft vielleicht folgendes Beispiel. Durch Inzucht traten und treten im Adel durchaus diverse Krankheiten gehäuft auf (z. B. die Bluterkrankheit). Sie sind also in den Königshäusern statistisch signifikant stärker vertreten, als im “Pöbel”. Rechtfertigt das nun Königshäuser als eine eigene Rasse zu betrachten? Ein interessanter Fall ist hier die Familie von Martin und Elisabeth Fugate aus dem frühen 19. Jahrhundert in Kentucky, USA. Beide waren heterozygote Träger des Allels für Methämoglobinämie. Vier ihrer Kinder trugen dieses Allel homozygot und entwickelten die für dieses Merkmal typische blaue Hautfarbe! In der abgeschiedenen Region am Troublesome Creek in Kentucky tauchten bis ins 20. Jahrundert Nachkommen der Fugates mit homozygotem Allel und entsprechend blauer Haut auf. Es ist mir nicht bekannt, dass Verteidiger des Rassenkonzeptes Aufgrund der Häufigkeit des Allels in dieser geographischen Region auf die Idee kamen, von einer eigenen Rasse zu sprechen! http://www.lessentiel.lu/de/panorama/story/gab-es-wirklich-mal-blaue-menschen-auf-der-erde-15932043

Mansion erwähnt als Beispiel die Sichelzellenanämie. Hierbei handelt es sich um eine Krankheit, bei der das Hämoglobin abnormal gebildet wird und sich die roten Blutzellen zu sichelförmigen Gebilden formen können. Ist dieses Merkmal homozygot treten lebensbedrohliche Durchblutungsstörungen auf. In heterozygoten Merkmalszustand (ein mutiertes Gen und ein normales) sind die Verläufe milder und können sogar vor Malaria schützen. Malaria-Erreger brauchen rote Blutkörperchen als Zwischenwirte. Heterozygote Träger der Sichelzellenanämie sind vor den schweren Verlaufsformen der Malaria geschützt, homozygot betroffene werden gar nicht mit Malaria infiziert. Dadurch ist das mutierte Hämoglobin-Gen in Malariagebieten relativ weit verbreitet. Besonders häufig kommt dieses Allel in Westafrika, aber auch in Süd-Indien, der arabischen Halbinsel und Teilen des Mittelmeerraumes vor. Doch auch dieses Merkmal zeigt, dass es nicht mit Rassen-Konzepten übereinstimmt, sofern man Westafrikaner, Südinder und Bewohner des Mittelmeeraraumes nicht als eine Rasse zusammenfassen will. Außerdem ist nicht jeder Westafrikaner Träger der Sichelzellenmutation und sie kommt auch in anderen Populationen vor, wenn auch in viel geringerer Frequenz (z. B. hat nur einer von 365 Afro-Amerikanern diese Mutation). Des Weiteren hängt die Häufig des Sichelzellen-Allels mit der Ausbreitung von Malaria zusammen – das Verschwinden dieser Krankheit würde auch zu seiner Reduktion der Häufigkeit dieser Mutation führen.

Die Unterschiede in der Häufigkeit des Vorkommens bestimmter Krankheiten in Familien oder Populationen liefern eher Daten für die Notwendigkeit einer individuellen Medizin mit entsprechender Genotypisierung, nicht jedoch auf einer rassisch basierten. Infolgedessen sind Rassenannahmen nicht die biologischen Wegweiser, von denen manche glauben, dass sie es sind, da allgemein definierte Rassengruppen genetisch heterogen sind und keine eindeutigen genetischen Grenzen haben. Dies kann auch zu medizinischen Fehldiagnosen führen. Mukoviszidose wird z. B. als eine Krankheit definiert, die typisch ist für Personen europäischer Abstammung. Das führt aber dazu, dass diese Krankheit in afrikanischen Populationen unter-diagnostiziert ist.

Als letzter Punkt meint Mansion die Rolle der Aggression bei der menschlichen Evolution in den Vordergrund zu stellen. Er schreibt:

Darüber haben Konrad Lorenz und Eibel-Eibesfeld umfassend geforscht, denn sie gehört ebenfalls zur (nicht nur menschlichen) Überlebensstrategie und findet (ästhetisiert) eine Ausdrucksform auch im Sport.“

Es sei erwähnt, dass Konrad Lorenz Instinkttheorie in akademischen Kreisen aufgrund wissenschaftlicher Mängel sowie aufgrund der Erkenntnisse der Neurobiologie als überholt gilt (für eine zusammenfassenden Überblick: https://dewiki.de/Lexikon/Instinkttheorie#Die_Instinkttheorie_aus_heutiger_Sicht), auch Eibl-Eibesfeldt Theorie der „Fremdenscheu“ blieb nicht unwidersprochen (das müssen ja natürlich linksversiffte Gutmenschen sein, die Eibl-Eibesfeld kritisieren!). Doch darum geht es nicht. Es geht nicht um die Frage, ob Menschen Aggressionsverhalten haben. Das haben sie. Sie spielte sicherlich auch eine Rolle in der Evolution. Die Frage ist jedoch, was die entscheidende Triebkraft der menschlichen Evolution ist. Hier wäre es hilfreich, wenn Mansion sich auch aktueller Forschungsliteratur widmet, anstatt den veralteten Modellen eines Konrad Lorenz zu folgen, der in akademischen Kreisen schon seit den 1970ern eher als Randerscheinung gilt. So spielt die Kooperation bei der Evolution des Menschen eine doch etwas bedeutender Rolle. Ich widme diesem Thema nur 7 Seiten in meinem Buch (von 324), es ist eher eine Randnotiz. Intensiver befassen sich Hart & Sussmann (2005), Sussman & Cloninger (2011), Fry (2013), Tomasello (2014) oder Laland (2017) mit dieser Frage. Auffällig ist die Darstellung des Sports als ästhetisierte Ausdrucksform der Aggression. Sicherlich hilft Sport dabei Aggressionen abzubauen – andererseits ist es auch eine Form der Kooperation.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dieser Artikel wäre wahrscheinlich nicht nötig gewesen, hätte Mansion, bevor der eine Rezension als Gegenrede verfasst, das Buch selbst gelesen.

Wenn er noch ausdrücklich am Ende formulieren muss, dass es die einwandernden Muslime seien, die einen Klerikal-Faschismus nach Europa bringen, so bin ich tatsächlich besorgt. Besorgt bin ich, ob Michael Mansions Wissen über den Islam auf dieselbe Weise entstanden ist, wie die Rezension (pardon Gegenrede) zu meinem Buch: Ohne mein Buch gelesen zu haben, welches sich mit der menschlichen Evolution und Genetik befasst, mit Halbwissen und Strohmännern zu schwadronieren und beißreflexartig über die islamischen Einwanderer herzuzuziehen. Ich bin wahrlich kein Freund des religiösen Fundamentalismus, aber unter diesen Umständen sind muslimische Einwanderer meine geringere Sorge.

Literatur

American Anthropological Association (AAA): AAA Statement on Race https://www.americananthro.org/ConnectWithAAA/Content.aspx?ItemNumber=2583

American Association of Physical Anthropologists (AAPA): AAPA Statement on Race& Racism https://physanth.org/about/position-statements/aapa-statement-raceand-racism-2019/

Gagneux, P., Wills, C., Gerloff, U., et al. (1999): Mitochondrial sequences show diverse evolutionary histories of African hominoids. PNaS USA 96 (9): 5077-82

Fischer, M., Hoßfeld, U., Krause, J., Richter, S. (2019): Jenaer Erklärung – Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung. Biol. Unserer Zeit 6: 399-402

Fry, D. P., (Hrsg., 2013): War, Peace and Human Nature The Convergence of Evolutionary and Cultural Views. Oxford: Oxford University Press

Hart, D., Sussmann, R. W. (2005): Man the hunted – Primates, Predators, and Human Evolution. New York: Basic Books

Kraus, O. (2000): Internationale Regeln für die Zoologische Nomenklatur: Angenommen von International Union of Biological Sciences. Offizieller deutscher Text … Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg)

Kubi, M. (2019a): Was ist eine Art (Spezies)? Teil 1/3: Die Realität der Arten.

Kubi, M. (2019b): Was ist eine Art (Spezies)? Teil 2/3: Art-Konzepte.

Kubi, M. (2019c): Was ist eine Art? Teil 3/3: Die Entstehung von Arten.

Laland, K. N. (2017): Darwin’s Unfinished Symphony – How Culture Made the Human Mind. Princeton: Princeton University Press

Mayr, R. (1975): Grundlagen der Zoologischen Systematik: Theoretische und Praktische Voraussetzungen für Arbeiten auf Systematischem Gebiet. Paul Parey, Hamburg

Queiroz, K. (2005): A unfied concept of species and ist consequences fort he future of taxonomy. Proc Calif Acad Sci, 56 (18): 196-215

Sussmann, R., Cloninger, R., (Hrsg. 2011): Origins of Altruism and Cooperation. New York: Springer

Tomasello, M. (2014): Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Berlin: Suhrkamp

https://dewiki.de/Lexikon/Instinkttheorie#Die_Instinkttheorie_aus_heutiger_Sicht

http://www.lessentiel.lu/de/panorama/story/gab-es-wirklich-mal-blaue-menschen-auf-der-erde-15932043