Der Begriff der Evolution ist zwar vielen geläufig, doch führt er häufig zu Missverständnissen. Für die einen ist es bloß eine „Theorie“, für andere wieder eine Art Ersatzreligion oder gar der Inbegriff des Bösen.

Dabei bezeichnet Evolution nichts weiter als die allmähliche Veränderung der Lebewesen durch Generationen und Zeiträume. Durch diese Veränderungen entstehen dauernd neue Lebensformen, während andere wieder aussterben.

Dieser ständige Wandel verläuft nicht nur zwischen den Generationen, sondern vollzieht sich auch innerhalb dieser. Ein jedes Lebewesen (Biologen sprechen auch vom Organismus), von der befruchteten Eizelle (der Zygote), über das Erwachsenenstadium bis hin zum Tod verändert sich. Diese Veränderungen setzen sich fort über die Nachkommen, über die Fortpflanzung. Folgerichtig ist der Wandel des Lebens nicht aufzuhalten, ist praktisch gesehen Teil des Lebens und damit ein Naturgesetz wie die Schwerkraft.

Was ist unter diesem Wandel zu verstehen? Geläufige Lehrmeinung ist, dass Veränderungen in den Genen zu Veränderungen im Körper führen und sich so über lange Zeiträume neue Arten entwickeln. So plausibel es für den einen klingt, so handelt es sich doch um ein sehr vereinfachendes, gar verzerrtes, Bild. Gene sind, wie alle anderen Komponenten eines Organismus, nur ein Stellglied unter vielen anderen in den Abläufen des Lebens. Zwar enthalten Gene wichtige Informationen für die Bildung von Proteinen, also jenem Material aus dem ein Organismus aufgebaut ist. Aber Gene enthalten keine vollständige Bauplaninformation, weil das Ursachengeflecht zwischen Genen und Körperbau komplexer ist, als es viele Lehrbücher darstellen. Das zeigt sich beispielsweise bei der Entwicklung unseres Nervensystems: Während der Embryonalentwicklung des Menschen wächst das Gehirn mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ca. 250.000 Nervenzellen pro Minute auf mehrere Milliarden Nervenzellen heran. Zwischen diesen Nervenzellen muss ein vielfaches an synaptischen Verbindungen (Kontaktstellen zur Signalweitergabe) hergestellt werden. Das menschliche Genom enthält jedoch nur etwa 20.000 – 30.000 Gene – definitiv zu wenig um ausreichend Informationen für die Verschaltungen im Gehirn zu liefern, geschweige denn für alle anderen Bauanweisungen im Körper. Hinzu kommt, dass Gene von äußeren Faktoren an- und ausgeschaltet werden, damit zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Proteine gebildet werden (vgl. auch: Müller & Hassel 2006). Beim Wandel der Organismen spielen also zusätzliche „epigenetische“ Faktoren eine wesentliche Rolle.

Abb. 1: Die verschiedenen Stoffwechselwege in einer Zelle. Die Gene (Nukleinsäuren) sind nur ein Teil des Prozesses. Bildquelle: http://www.chemgapedia.de

Außerdem ist nicht jeder Wandel beliebig. Es kann, aller Sprichwörter zum Trotz, nicht über eine Generation aus einer Mücke ein Elefant gemacht werden. Der Wandel der Organismen vollzieht sich schrittweise und langsam (auch wenn diese Begriffe eher relativ sind), denn es muss immer gewährleistet werden, dass beim Wandel der Organismus lebensfähig bleibt.

Es zeigt sich, dass Lebewesen ohne ständigen Wandel gar nicht existieren können: Ohne Wandel gibt es keine Lebewesen und kein Leben.

Die Evolutionsforschung versucht diese Veränderungen nachzuvollziehen. Sie untersucht zum einen die Ursachen und die Antriebe des Geschehens. Sie fragt also nach den geltenden Prinzipien, die hinter dem zu beobachteten Wandel stehen. Hierzu zählen neben genetischen, wie epigenetischen Veränderungen auch die Entwicklungsbiologie, sowie die ökologischen Wechselbeziehungen der Organismen miteinander (und gegeneinander) und die natürliche, wie die sexuelle Selektion. Diese Phänomene lassen sich an lebenden Organismen untersuchen.

Evolutionsforschung ist aber auch ein historischer Prozess, der versucht den Ablauf des Geschehens in der Vergangenheit zu rekonstruieren. Hierzu wird nicht nur an Fossilien, also den Überresten ausgestorbener Organismen, geforscht. Man nimmt auch die heute lebenden Tiere und Pflanzen und untersucht ihren Körperbauplan, Stoffwechsel und ihre Verwandtschaft untereinander.

Die Erkenntnisse der Evolution, obwohl es sich um eine Naturtatsache handelt, sind vom Menschen erst sehr spät entdeckt worden. Zwar existiert der Evolutionsgedanke in der menschlichen Erkenntnisphilosophie schon seit Beginn der Sklavenhaltergesellschaft, doch der wissenschaftliche Durchbruch kam mit dem Aufstieg des Bürgertums und des Kapitalismus zu Tage. Denn mit der verbundenen Industrialisierung sowie im Revolutionsgedanken gegen den reaktionären Feudaladel und der Kirche wurden die Erkenntnisse der Natur immer mehr in der Praxis des Menschen umgesetzt. Mit der wissenschaftlichen Evolutionsforschung kann man vor allem zwei Namen in Verbindung bringen: Lamarck und Darwin.

Abb. 2:  Lamarck und Darwin. Quelle: Wikipedia

Es war der französische Biologe Jean Baptiste de Lamarck (1744 – 1829), der erstmals in seiner 1809 erschienen umfangreichen Schrift „Philosophie zoologique“ für das Tierreich den Gedanken einer durchgehenden Evolution vortrug. Damit kann Lamarck zurecht als Begründer der Evolutionstheorie angesehen werden. Er erlebte die Veränderungen, die Entwicklungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft seiner Zeit und erkannte darüber hinaus in der ganzen Natur eine ständige Veränderung und Weiterentwicklung.

Heute werden Lamarcks Vorstellungen zur Evolution eher belächelt und jenen von Darwin gegenübergesellt. Lamarck habe fälschlicherweise an die Vererbung erworbener Eigenschaften geglaubt (gerne wird dabei das Beispiel der Giraffe genommen, die ihren Hals streckt damit dieser länger wird). Darwin hingegen habe Lamarck durch seine natürliche Auslese widerlegt. Doch dieser Gedanke ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Darwin zeugte Lamarck gegenüber großen Respekt und war selbst der Auffassung, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Er entwickelte hierzu – anders als Lamarck übrigens – konkrete Vorstellungen der Vererbung erworbener Eigenschaften, die als „Hypothese der Pangenesis“ bekannt wurde. Diese veröffentlichte er 1868 in seinem Werk „Die Variation von Tieren und Pflanzen unter Domestikation“. Der wesentliche Unterschied zwischen Lamarck und Darwin besteht nicht in ihrer Vorstellerung der Vererbung, sondern in den Triebkräften der Evolution. Lamarck ging fälschlicherweise von einem „Vervollkommnungs-Trieb“ der Organismen aus: Giraffen streckten ihren Hals, weil sie den inneren Willen, die innere Triebfeder verspüren, ihren Hals zu verlängern um sich so zu vervollkommnen, zu verbessern. Lamarck beging also den Fehler der Natur einen Willen zu unterstellen, der sie von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe treibt. Bei Darwin ist dieser Antrieb zur Vervollkommnung nicht mehr gegeben. Durch seine „natürliche Zuchtwahl“ suchte er nach einer natürlichen Ursache für den Wandel der Arten. Damit befreite er den Evolutionsgedanken von seinen idealistischen Fehlern, die Lamarck noch begangen hatte. Mit seinem 1859 Jahre erschienen Werk „Über die Entstehung der Arten“, gelang der Evolutionsforschung der Durchbruch.

Ein Vergleich der Positionen Darwins und Lamarcks, sowie dessen Bedeutung für die heutige Zeit (und über ihre Fälscher) wird in einem separaten Beitrag ausführlicher veröffentlicht.

Die Welt bleibt nicht stehen, sie ist dynamisch und wandelbar. Damit ist Evolution eine Realität.

Das einzig Beständige in der Natur ist die Veränderung.

Literatur:

Müller, W. A. & Hassel, M. (2006): Entwicklungsbiologie und Reproduktionsbiologie von Mensch und Tieren, Berlin: Springer Verlag

Lamarck (1809):  Philosophie zoologique

Darwin (1859): Über die Entstehung der Arten

Darwin (1868): Die Variation von Tieren und Pflanzen unter Domestikation