Es herrscht wohl um kaum ein Hormon ein größerer Mythos oder gar ein Kult als um Testosteron. Es ist das Männlichkeitshormon schlecht hin und erfülle aller erdenklichen Aufgaben, die den Mann zum Mann machen. Diese Sichtweisen werden beispielsweise in Joe Herberts Buch „Testosterone: Sex, Power, and the Will to Win“ (HERBERT 2015) anschaulich dargestellt. HERBERT (2015) erklärt, dass die „typisch männlichen“ Eigenschaften (Sex, Macht, Gewinnstreben) sich im Testosteron widerspiegeln und ohne dieses nette Hormon gäbe es gar keine menschliche Geschichte. Also zusammengefasst: Die Geschichte sei gar keine Geschichte von Klassenkämpfern, sondern von Hormontitern. Nicht anders sieht es bei KUTSCHERA (2018) aus. Für Kutschera sind “[d]ie Jungen (…) mehrheitlich aktiv-aggressiv-autoritätsverachtend-selbstbestimmt (…) die Mädchen hingegen sind brav und angepasst“ (KUTSCHERA 2018: S. 23). Eine entscheidende Rolle spiele hierbei das „Männlichkeitshormon“ Testosteron. Männer, die meinen sich um den Nachwuchs zu kümmern und daher Elternzeit nehmen, anstatt es den Frauen zu überlassen, sind für Kutschera unnatürlich und es widerspreche dem Testosterongehalt der Männer. Testosteron mache Männer unfähig für die Kindererziehung, da sie mit „Babys überhaupt nichts anfangen können, bzw. gestresst-aggressiv auf deren Hilferufe reagieren.“ Infantizid (Kindstötung) sei in der Evolution des Menschen ein natürlicher Auslesefaktor gewesen. Die ideologische „Gleichschaltung“, die die armen kinderhassenden Testosteronwesen namens Männer dazu zwinge sich um Kinder zu kümmern, werden dann noch von den „Genderisten“ schamlos als „Rabenväter“ bezeichnet. Dabei sollen Männer schlicht und einfach das Brot erwerben, was sie ja schon über Jahrmillionen gemacht haben und dieses „altruistisch“ mit Frau und Kind teilen (KUTSCHERA 2018, S. 27). Es bleibt offen, ob Kutschera hier allgemein wissenschaftliche Fakten erzählt oder seinen Erziehungsstil hier versucht „wissenschaftlich“ zu verteidigen.

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